Apoplex kann sowohl die Organe zàng fǔ als auch die Leitbahnen jīng luò verletzen. Bei der Akupunktur von Apoplex ist es sinnvoll, den Patientenzustand entsprechend Überschuss- und Mangelsymptome zu differenzieren.
Der Überschuss-Typ des Apoplex zeigt sich mit hohem Fieber, Koma, Unruhe, Stridor, gerötetem Gesicht, Kiefersperre und Spastik der Gliedmaßen, während der Mangel-Typ gekennzeichnet ist durch Koma oder schwindendes Bewusstsein, schwache Atmung und schlaffe Gliedmaßen.
Ein Zusammenbruch ist gefährlich; eine Blockade kann, wenn ein Koma von 2 bis 3 Wochen vorliegt, in einen Zusammenbruch übergehen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird.
Die fünf Zeichen großer Gefahr sind
- geschlossene Augen = gefährlicher Befall der Leber;
- offener Mund = gefährlicher Befall der Milz;
- schlaffe Hände = gefährlicher Befall des Herzens;
- Inkontinenz von Stuhl und Urin = gefährlicher Befall der Nieren;
- Schnarchen = gefährlicher Befall der Lunge.
Ärzte aus allen Zeitaltern haben auf diese Zeichen geachtet. Trotzdem kann man sie nicht einzeln als Zeichen eines gefährlichen Zustandes ansehen. Man muss sie immer im Zusammenhang mit anderen Zeichen und Symptomen beurteilen.
Das Prinzip der Behandlung sollte bei den Fällen mit Blockade die Wiederbelebung, bei den Fällen mit Zusammenbruch die Festigung und Wiederaufrichtung sein. Aber die Erscheinungsform der Erkrankung ist gewöhnlich kompliziert mit oft gleichzeitig auftretenden Zeichen des Überschusses und des Mangels. Entsprechend sollten beide Therapieformen angewendet werden. Bei einem komatösen Zustand sollten auch bei rauer Atmung und kraftvollem Puls und nur geringen Anzeichen des Mangels Wiederbelebungstherapien angewendet werden.
Apoplex verletzt die Organe (zhòng zàng fǔ)
Akupunktur bei Überschuss-Symptomen oder Blockade (bì zhèng)
- LG 26 (rén zhōng) oder LG 25 (sù liáo) und Blutenlassen am Punkt shí xuān lösen die Blockade;
- LG 20 (bǎi huì), LG 14 (dà zhuī) und Di 4 (hè gǔ) vermindern ein Überschießen des yáng;
- Gbl 20 (fěng chí), LG 16 (fěng fǔ), tài yáng, yìn táng und Le 3 (tài chōng) oder Le 2 (xíng jiān) beruhigen die Leber und den pathogenen Wind (píng gān xí fěng)
- Pk 8 (láo gōng) und H 5 (tōng lǐ) vermindern das Feuer im Herzen (jiàng xīn huǒ);
- KG 22 (tiān tú), Ma 40 (fěng lóng) und Ma 36 (zú sān Iǐ) beseitigen den zähen Schleim (dí tán zhuó);
- N 1 (yǒng quǎn) und N 2 (rán gǔ) (bei Verstopfung auch N 6 (zhào hǎi) tonisieren das Wasser und unterdrücken das Feuer (bǔ shuǐ zhì huǒ).
Akupunktur bei Mangel-Symptomen oder Zusammenbruch (tuō zhèng)
- Um das ursprüngliche yáng zu stärken (zhù yuán yáng): Moxibustion über einer Lage von Salz auf KG 8 (shén què) sowie direkte Moxibustion oder über Ingwerscheibe auf KG 6 (qì hǎi) oder KG 4 (guān yuán); LG 20 (bǎi huì) bei kraftlosem qì in Verbindung mit niedrigem Blutdruck moxibustieren, N 3 (tài xī) warm tonisieren bei schwachem yáng der Nieren.
- Um das wahre yīn (jìu zhěn yīn) zu bewahren: N 1 (yǒng quǎn) und MP 6 (sān yīn jiāo).
- Um das qì der Mitte zu stärken (fú zhōng qì): KG 12 (zhōng wǎn) und Ma 36 (zú sān Iǐ). Bei Fällen mit Überschuss oben und Mangel unten muss man im oberen Teil sedieren und im unteren Teil kräftigen; bei Vermischung von Überschuss und Mangel muss man gleichzeitig öffnende und den Zusammenbruch verhütende Maßnahmen ergreifen (kāi bì gù tuō)
Apoplex verletzt die Leitbahnen (zhōng jīng luò)
Bei verzogenem Mund und verdrehten Augen muss man den Wind eliminieren und die Leitbahnen kräftig reinigen (qū fěng tōng luò). Auf der betroffenen Seite werden genadelt:
Gbl 20 (fěng chí),
Gbl 14 (yáng bái),
Gbl 1 (tóng zǐ liáo) in Richtung
tài yáng,
Ma 4 (dì cāng) in Richtung
Ma 6 (jiá chě); auf der gesunden Seite:
Di 4 (hè gǔ); bei Kiefersperre kann man
Ma 7 (xià guān) hinzufügen.
Bei Hemiplegie als Folge der Erkrankung muss man nach den folgenden Prinzipien behandeln:
- Die vier Himmelstore werden eröffnet (kāi sì guān) durch Akupunktur von Di 4 (hè gǔ) und Le 3 (tài chōng);
- Um das Nahrungs-qì (yíng-qì) zu harmonisieren und die Leitbahnen der oberen Extremität zu reinigen (hé yíng tōng luò), akupunktiere man Di 15 (jiān yú), Di 11 (qū chí), 3E 5 (wài guān) und Di 4 (hè gǔ);
- Um die Meridiane der unteren Extremität zu reinigen, akupunktiere man Gbl 30 (huán tiào), Gbl 31 (fěng shì), Gbl 34 (yáng líng quán), Ma 36 (zú sān Iǐ), Gbl 39 (jué gǔ), MP 6 (sān yīn jiāo). Diese Anweisung kann man in folgender Weise modifizieren: Bei verzogenem Mund und verdrehten Augen wie oben beschrieben; bei Sprachschwierigkeiten mit LG 15 (yǎ mén) und H 5 (tōng lǐ); bei ausgeprägter Schleim-Nässe mit Ma 40 (fěng lóng).
Fallbeispiel
Eine 75jährige Frau wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Sie hatte mit ihren Angehörigen gezankt und war in einem Raum eingesperrt worden. Später hatte man sie komatös aufgefunden mit schaumigem Speichelfluss und Inkontinenz von Stuhl und Urin. Sie wurde zunächst in der Notambulanz behandelt, ohne dass eine Besserung eintrat, und dann auf die Krankenstation gebracht. Die Aufnahmeuntersuchung zeigte Bewusstlosigkeit, Nackensteifigkeit, Verziehung des Mundes nach links, Lähmung der rechten Gliedmaßen, leicht positive Pupillenreaktion, feine Rasselgeräusche über beiden Lungen, leicht positives Babinski-Zeichen, Körpertemperatur 37,1° C, Blutdruck 190/100 mmHg.
Die Diagnose zerebrale Massenblutung wurde gestellt. Noch nach einer Woche war die Patientin komatös mit Inkontinenz von Stuhl und Urin, und die Abteilung für Akupunktur und Moxibustion wurde konsultiert.
Bei dieser Konsultation war die Patientin weiterhin komatös, mit fixiertem Blick, urininkontinent, hatte eine Kiefersperre und Lähmung der rechtsseitigen Extremitäten, einen gespannten und engen Puls (xián jǐn), der in der dritten (chǐ) Position schwach war. Die Analyse des Falles zeigte, dass die Patientin gewöhnlich ein aufbrausendes Leber-qì hatte, das durch den Streit stark stimuliert wurde und in die falsche Richtung nach oben anstieg, Blut mitnahm und zur Blockade führte.
Hier gelten die Lehrsätze: „Wenn qì und Blut in falscher Richtung aufsteigen, erzeugen sie Koma“, und „alle emotionalen Faktoren können sich auch in Feuer verwandeln“ (wǔ zhì guó jì, jiě néng huà huǒ). Wut und Zorn schädigen die Leber (dà nù shāng gān). Diese verwandelt sie in Wind (gān yáng huà fěng), der wiederum eine Beziehung eingeht mit Feuer, das in besonderer Weise bei älteren Menschen durch den Mangel an Körpersäften entsteht. Das Ergebnis dieses Vorganges ist ein Überschuss im oberen Teil des Körpers und ein Mangel im unteren, eine schwerwiegende „stille Lähmung, die sich darstellt als gemischte Erkrankung aus Zusammenbruch und Blockade“.
Die Behandlung sollte bestehen aus Beruhigung des Windes und Unterdrückung des yáng (xí fěng qián yáng), Wiederbelebung und Klären der Hitze (kāi qiào qīng rè), wobei unterstützend die Körpersäfte und das Ursprungs-qì genährt werden sollen (zī shuǐ péi yuán), die Blockade geöffnet und der Zusammenbruch aufgehalten (kāi bì gù tuō).
Folgende Punkte wurden behandelt:
An
LG 26 (rén zhōng) wurde Blut entlassen,
Gbl 20 (fěng chí),
LG 20 (bǎi huì),
Di 4 (hè gǔ),
Le 3 (tài chōng),
Di 10 (shǒu sān lǐ),
Ma 36 (zú sān Iǐ),
Gbl 34 (yáng líng quán),
N 3 (tài xī) wurden genadelt,
KG 4 (guān yuán) wurde moxibustiert.
Bei der zweiten Visite war das Bewusstsein etwas zurückgekehrt. Die Patientin versuchte mit einigen Schwierigkeiten zu sprechen, der Puls war langsam.
Auf der betroffenen Seite wurden genadelt:
Gbl 20 (fěng chí),
Di 4 (hè gǔ),
Le 3 (tài chōng),
Ma 36 (zú sān Iǐ),
MP 6 (sān yīn jiāo),
N 3 (tài xī),
LG 15 (yǎ mén),
Di 15 (jiān yú),
Di 11 (qū chí),
Gbl 30 (huán tiào),
Gbl 34 (yáng líng quán), und
KG 4 (guān yuán) wurde moxibustiert.
Bei der dritten Visite war sie bei Bewusstsein und hatte wieder Kontrolle über Stuhl und Urin. Die Behandlung erfolgte wie oben.
Bei der vierten Visite konnte sie mit ihren Angehörigen sprechen und ihre Beine und Arme bewegen. An
LG 15 (yǎ mén) wurde Blut ausgelassen, ansonsten wurde die gleiche Behandlung durchgeführt.
Diese Therapie wurde einmal täglich weitergeführt, bis die Patientin ohne irgendwelche Residuen bei normalem Sprechvermögen und normaler Beweglichkeit aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte.