Akute und chronische Diarrhöen sind häufige Erkrankungen des Verdauungssystems und treten oft im Sommer und Herbst auf. Die Behandlungen von akuter und chronischer Diarrhö sind verschieden.

Akute Diarrhö

Die akute Diarrhö beginnt plötzlich mit kurzem Verlauf. Die üblichen Unterformen sind Nässe-Kälte (hán shī), Nässe-Hitze (shī rè) und übermäßiger Konsum von Nahrungsmitteln (shāng shí). Man kann diese Unterformen durch ihre Symptomatik unterscheiden:
  • Beim Typ Nässe-Kälte (hán shī) findet man dünne und wässrige Stühle, etwa wie beim Kot von Enten, Aufstoßen, schmerzhafte Spannungen des Abdomens, eine blasse Zunge mit weißem und fettigem Belag, einen weichen (rú) Puls;
  • beim Typ Nässe-Hitze (shī rè) findet man Durchfälle unmittelbar nach dem Auftreten von Bauchschmerzen, Tenesmen, einen gelblich-braunen Stuhl mit übelriechendem, gereiztem Anus, Fieber, Durst, dunkelfarbigen Urin, einen gelben fettigen Zungenbelag und einen beschleunigten (shuò) und weichen (rú) Puls;
  • nach übermäßigem Nahrungskonsum (shāng shí) findet man abdominelle Spannungen, die auf Druck nicht besser werden, übelriechende Stuhlgänge, Erleichterung der Schmerzen nach dem Stuhlgang, Tenesmen, Aufstoßen, einen dicken fettigen Zungenbelag und einen schlüpfrigen (huá) Puls.
Die Behandlung erfolgt im Wesentlichen durch Stärkung der Transportfunktion der Milz (yùn pí huà shī) und anschließend durch Austreiben der Nässe entweder mit warmen Methoden (wěn yùn huà shī) oder durch Klären (qīng rè huà shī). Ein gebräuchliches Rezept für Akupunktur und Moxibustion bei akuten Durchfällen ist das folgende:
  • Ma 25 (tiān shū),
  • KG 6 (qì hǎi),
  • Ma 36 (zú sān Iǐ),
  • MP 9 (yīn Iíng quán).
Dies kann man nach den aktuellen Erscheinungsformen modifizieren:
  • Bei allen Formen von Nässe-Kälte (hán shī) moxibustiert man an allen abdominellen Punkten. Außerdem wird dann am Punkt LG 9 (zhì yáng) genadelt und moxibustiert, um das yáng zu wärmen und die Nässe zu vertreiben (wěn yáng huà shī).
  • Wenn gleichzeitig eine Infektion der oberflächlichen Schicht vorhanden ist, nadelt man Di 4 (hè gǔ) und 3E 5 (wài guān) zusätzlich. Bei Fieber und Durst fügt man LG 14 (dà zhuī) und Di 11 (qū chí) hinzu, um die Hitze zu vertreiben (xiè rè xié).
  • KG 12 (zhōng wǎn) und Ma 44 (nèi tíng) werden zusätzlich genadelt, um die Verdauung der im Verdauungstrakt stagnierenden Nahrung zu unterstützen (xiāo dǎo sù zhì).
Vorgehen Bei akuten Fällen benutzt man sedierende Manipulationstechniken. Man sticht die Nadel tief und manipuliert sie wiederholt mit Drehen und Rotieren sowie Heben und Senken. Man lässt die Nadel eine halbe Stunde, bei schweren Fällen auch eine Stunde lang liegen. Man behandelt einmal oder bei schweren Fällen zweimal täglich. Beim Typ Nässe-Kälte (hán shī) wird mit Moxakegeln oder Moxarollen moxibustiert. Dehydrierten Patienten muss man Flüssigkeit infundieren. Bei verschleppten Krankheitsfällen muss man damit rechnen, dass ein Mangelzustand der Milz und der Nieren und eine Stagnation der Leber vorliegen. Bei Mangelzustand der Milz (pí xū) findet man rezidivierende Durchfälle, abwechselnd mit weichen Stühlen und Beimengung von unverdauter Nahrung, Aufstoßen, einen dumpfen Schmerz, Appetitverlust und nach den Mahlzeiten übelriechende Gasansammlungen. Diese Zustände verschlimmern sich, wenn nicht auf die Art der Nahrung und der Getränke geachtet wird. Die Gesichtsfarbe wird fahl, der Zungenbelag ist weiß, der Puls schwach (ruò). Bei Mangelzustand der Nieren (shèn xū) gibt es oft Durchfälle gegen Abend, mit anfallsartigen Schmerzen im Bauch, weichen unverdauten Stühlen und übelriechenden Gasansammlungen. Die Patienten neigen dazu, sich auf den Bauch zu drücken, und sie haben eine Abneigung gegen Kälte. Die Gesichtsfarbe ist fahl, der Puls schwach und schmal (xì ruò). Der Krankheitstyp mit Stagnation der Leber (gān yù) tritt meistens nach emotionalen Störungen auf und stellt sich mit Völlegefühl in der Brust dar, mit häufigem Aufstoßen, Bauchschmerzen, Windabgängen, einem gespannten und schmalen Puls (xián xì) und einem weißen Zungenbelag.

Chronische Diarrhö

Die Behandlung einer chronischen Diarrhö erfolgt im Wesentlichen durch Stärkung der Milz (jiàn pí). Wenn auch ein Mangel an yáng in den Nieren festzustellen ist (shèn yáng bù zú), sollte man gleichzeitig eine wärmende Behandlung (wěn shèn) beginnen. Bei Stagnation des qì in der Leber muss man die Leber zerstreuen (shū gān), das qì regulieren (lǐ qì), auf jeden Fall Milz und Leber gleichzeitig behandeln. Folgende Punkte werden ausgewählt:
  • Bl 20 (pí shū),
  • Ma 25 (tiān shū),
  • KG 4 (guān yuán),
  • Ma 36 (zú sān Iǐ) und
  • MP 6 (sān yīn jiāo) als Hauptpunkte.
Bei Mangel der Nieren yáng fügt man Bl 23 (shèn shū) und N 10 (yīn gǔ) hinzu, um die Nieren zu nähren (bǔ shèn); um die Energie der Leber zu zerstreuen und zu regulieren, nadelt man Bl 18 (gān shū) und Le 3 (tài chōng). Vorgehen Tonisierende Methoden werden benutzt, die Nadeln gedreht und rotiert mit mäßiger Stimulation. Die Nadeln werden einige Zeit liegengelassen. Bei Stagnation des qì in der Leber soll man am Punkt Le 3 (tài chōng) die Nadel heben und senken, um durch diese Art der Manipulation das aufsteigende qì der Leber zu unterdrücken. Wenn eine langdauernde Durchfallerkrankung aufgrund von Mangel in der Milz und im yáng der Nieren vorliegt, kann man ausschließlich moxibustieren. Hier wendet man zunächst die Moxibustion mit großen Moxakegeln über Ingwerscheiben an (täglich 5 bis 7 Moxakegel), Nach einer Verbesserung des Krankheitsbildes kann man dazu übergehen, an jedem Punkt täglich 3 bis 5 korngroße Moxakegel abzubrennen. Diese Behandlung wird über mehrere Monate durchgeführt.

Fallbeispiel 1

Eine erwachsene Frau klagte über akute Diarrhö. Seit dem Vorabend hatte sie Bauchschmerzen und zehnmal dünne, weiche Stühle gehabt. Nach jeder Darmentleerung waren die Schmerzen gelindert. Außerdem war ihr übel, der Urin war rötlich. Sie hatte Durst und wollte gerne trinken. Der Puls war weich und beschleunigt (rú shuò), der Zungenbelag gelb und fettig. Bei der Untersuchung hatte sie eine Körpertemperatur von 39,4°C. Der Stuhl enthielt weiße und rote Blutzellen. Die Diagnose war: Nässe und Sommerhitze haben den Verdauungstrakt angegriffen. Die Behandlung bestand darin, die Hitze zu klären (qīng rè) und die Nässe zu zerstreuen (huà shī). Folgende Punkte wurden ausgewählt: Di 11 (qū chí), Di 4 (hè gǔ), Ma 25 (tiān shū), Ma 37 (shàng jù xū), MP 9 (yīn Iíng quán), Ma 44 (nèi tíng). Die Nadeln wurden mit Heben und Stoßen manipuliert und 30 Minuten liegengelassen. Nach der Akupunkturbehandlung trat ein Schweißausbruch auf und das Fieber fiel in der Nacht ab. Die Durchfälle wurden weniger. Nun wurden Di 11 (qū chí) und Di 4 (hè gǔ) weggelassen und lediglich Ma 25 (tiān shū), Ma 36 (zú sān Iǐ) und MP 9 (yīn Iíng quán) mit sedierender Manipulation genadelt, um die Milz zu stärken und die Nässe zu zerstreuen (jiàn pí huà shī). Am dritten Tag waren alle Symptome verschwunden, nur der Appetit war noch schlecht. Nun wurden noch Ma 36 (zú sān Iǐ) und KG 12 (zhōng wǎn) genadelt und damit wurde der Appetit wieder hergestellt.

Fallbeispiel 2

Ein erwachsener Mann hatte mehr als einem Jahr immer wieder Durchfälle, die durch sorglosen Umgang mit Getränken und Nahrungsmitteln verschlimmert wurden. Am Tag hatte er zwei- bis sechsmal weiche Stühle mit Beimengungen von unverdauter Nahrung. Er hatte einen dumpfen Bauchschmerz, musste häufig aufstoßen und Winde lassen. Sein Appetit war schlecht, die Gesichtsfarbe fahl. Er erschien ausgemergelt, hatte ein Gefühl der Wundheit im Rücken, fühlte sich schlapp. Die Zunge war blass mit dünnem Belag, der Puls war versunken und schmal (chén xì). Die Diagnose war: Mangel an yáng in Nieren und Milz, so dass der Transport und die Verarbeitung der Nahrungsmittel nicht mehr stattfinden konnten. Die Behandlung bestand darin, die Funktion der Milz und der Nieren mit warmen Methoden zu stärken (jiàn pí wěn shèn). Ma 25 (tiān shū), KG 4 (guān yuán), Ma 36 (zú sān Iǐ) und MP 6 (sān yīn jiāo) wurden zunächst genadelt und anschließend moxibustiert. Es wurde einmal täglich behandelt. Nach einer Woche ließen die Schmerzen nach, und der Patient hatte nur noch zwei bis drei Stuhlentleerungen täglich. Dann wurden zwei Gruppen von Punkten abwechselnd mit korngroßen Moxakegeln über einen Monat täglich behandelt: Bl 20 (pí shū), Bl 23 (shèn shū), Ma 25 (tiān shū), KG 4 (guān yuán) und Ma 36 (zú sān Iǐ). Danach war der Patient beschwerdefrei.