Epilepsie im Anfallsstadium erlebt man in der ambulanten Behandlung selten, weil die Patienten aufgrund der Schwere gleich stationär behandelt werden. Falls man doch einmal einen solchen Fall hat, kann man ihn im Anfall durch Akupunktur an den Punkten LG 20 (bǎi huì), LG 26 (rén zhōng) und Di 4 (hè gǔ) behandeln mit dem Ziel, die Leber besänftigen (píng gān), den Wind eliminieren (xí fěng), die Öffnungen wiederaufzumachen (kāi qiáo), den Geist zu erwecken (xǐng shén) und die Krämpfe zu beenden (zhǐ chōu). Beim Status epilepticus ist in Einzelfällen yāo qí sehr wirksam. Wenn die Krampftätigkeit nachlässt, aber die Atemwege durch den erhöhten Speichelfluss blockiert sind und der Nacken noch steif ist, kann man Besserung erzielen, wenn man mit dem linken Zeigefinger auf den Kehlkopf drückt und gleichzeitig mit der rechten Handfläche den Hinterkopf nach vorne drückt. So kann man dem Patienten helfen, das Sputum auszuspucken. Im Intervall muss man die Wurzel der Erkrankung behandeln. Wir halten die Punkte LG 20 (bǎi huì), LG 14 (dà zhuī), Gbl 20 (fěng chí) und yāo qí für die Hauptpunkte. LG 20 (bǎi huì) liegt an der höchstgelegenen Stelle des Körpers und ist die Kreuzungsstelle von Lenkergefäß, den drei yáng-Meridianen des Fußes und dem Fuß jué yīn-Meridian. Er kann das Gehirn beleben, die Öffnungen befreien, die Krämpfe und den inneren Wind beruhigen. Es ist ein sehr wichtiger Punkt bei Erkrankungen des Gehirns und er ist hilfreich bei Epilepsie. LG 14 (dà zhuī) ist auch ein Punkt des Lenkergefäßes und ein Kreuzungspunkt aller yáng-Meridiane. Er kann das yáng-qì ausbreiten, das Windpathogen austreiben und die Energie der Lunge verteilen, den Geist beruhigen, und so ist er ein weiterer wichtiger Punkt zur Behandlung der Epilepsie. Gbl 20 (fěng chí) liegt an der Rückseite des Schädels und ist eine Eintrittsstelle für pathogenen Wind, der dort in das Gehirn eindringen kann. Akupunktur an diesem Punkt kann den Wind eliminieren, Hitze klären, das Sehvermögen verbessern (míng mù), das Gehirn erwecken und die Öffnungen aufmachen. Er ist auch sehr wirkungsvoll bei Epilepsie. Yāo qí liegt zwei cùn oberhalb der Spitze des Os Coccygeum und ist ein außerordentlicher Punkt auf dem Lenkergefäß. Er kann das Lenkergefäß durchgängig und das Gehirn klar machen. Die Akupunktur aller vier Punkte im Intervall kann ein Wiederauftreten der Krampftätigkeit verhindern, und hat oft eine Langzeitwirkung.

Vorgehen

LG 20 (bǎi huì), LG 14 (dà zhuī) und Gbl 20 (fěng chí) werden wie üblich akupunktiert. Am Punkt yāo qí akupunktiert man mit einer 3 cùm langen dünnen Nadel. Der Patient liegt dabei auf der Seite mit angebeugten Beinen. Man penetriert die Haut und sticht dann entlang der Wirbelsäule etwa 2,5 cùn nach oben, wobei sich das Nadelgefühl nach oben hin ausbreiten soll. Behandelt wird einmal täglich oder jeden zweiten Tag. Die Nadeln bleiben 30 Minuten liegen und werden innerhalb dieser Zeit zwei- bis dreimal manipuliert. Zehn Behandlungen bilden einen Therapiezyklus. Man kann zwei bis drei Behandlungszyklen geben mit einem Intervall von fünf bis sieben Tagen zwischen zwei Zyklen. Mit dieser Behandlung kann man Langzeiterfolge erzielen.

Fallbeispiel

Ein zehnjähriges Mädchen hatte seit einem Jahr epileptische Anfälle, als sie in unsere Behandlung kam. Innerhalb eines Jahres hatte sie sieben große Krampfanfälle gehabt. Jedes Mal war sie plötzlich bewusstlos geworden, hatte gekrampft bei festgeschlossenem Kiefer, nach oben gerichteten Augen, mit Schaum vor dem Mund und Enuresis. Die Epilepsie war diagnostiziert, aber bislang erfolglos behandelt worden. Als sie zu uns kam, erholte sie sich gerade von einem Anfall. Sie war noch nicht ganz wieder bei Bewusstsein und hatte noch Spasmen an beiden Mundwinkeln. Der Punkt LG 26 (rén zhōng) wurde akupunktiert, und das Bewusstsein kehrte zurück. Dann wurde an den Punkten LG 20 (bǎi huì), LG 14 (dà zhuī), Gbl 20 (fěng chí) und yāo qí akupunktiert, die Nadeln 20 Minuten belassen und in dieser Zeit dreimal neutral manipuliert. Anschließend wurde jeden zweiten Tag insgesamt neunmal in dieser Weise behandelt. Fünf Monate lang hatte sie keinen Anfall. Dann kam ein sehr viel milderer Anfall während einer Schulstunde. Weitere 15 Behandlungen wurden nun an alternierenden Tagen gegeben. Bei der letzten Nachuntersuchung war sie zehn Jahre lang anfallsfrei.

BUCHEMPFEHLUNGEN

LI Shizhen; übersetzt und herausgegeben von Prof. Dr. Zhou Hengxiang

Bencao Gangmu 本草纲目

(Band 1)

Fundament der chinesischen Arzneitherapie und Pharmakologie

Der mit dieser Übersetzung vorliegende erste Band des bahnbrechendes Werks „Bencao Gangmu“ legt den Schwerpunkt auf die grundlegenden Theorien der chinesischen Arzneitherapie und Pharmakologie. Er bildet somit das Fundament für dieses komplexe Wissensgebiet.