Fazialisparese (Gesichtslähmung) wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin folgendermaßen differenziert: Pathogener Wind, der zunächst in den shào yáng-Meridian eindringt, kann sich in Hitze verwandeln, die wiederum den yáng míng-Meridian gefährdet. Pathogene Wind-Hitze blockiert die Verbindungsgefäße, verursacht Fehlernährung von Sehnen und Muskeln mit nachfolgender Lähmung. Wind ist von Natur aus pathogenes yáng, und mit der Invasion der zwei yáng-Meridiane stellt er sich als Wind-Hitze dar, unabhängig davon, ob er durch Kälte, Hitze oder Nässe kompliziert wurde. Man kann hier drei Krankheitsstadien unterscheiden: das akute, das Erholungsstadium und das Stadium der Folgeerscheinungen.
A. Akutes Stadium
Dieses beinhaltet die Zeitspanne von sieben bis zehn Tagen nach Beginn der Erkrankung. Die frühzeitige Behandlung ist in diesem Krankheitsstadium sehr wichtig. Angemessene Behandlung beschleunigt die Erholung der lokalen Funktion und vermeidet Folgeerscheinungen. Die Betonung sollte auf der Behandlung des shào yáng-Meridians liegen. Der yáng míng-Meridian sollte in seinem Verlauf im Gesicht nicht oder nur sehr schonend genadelt werden. Das Behandlungsprinzip ist Wind-Hitze im shào yáng-Meridian (qīng shū shào yáng fěng rè) und ebenso im yáng míng-Meridian zu klären und zu zerstreuen (jiān qīng yáng míng).
Behandlungsvorschrift
Punkte an oder in der Nähe der betroffenen Stellen:
Gbl 20 (fěng chí),
3E 17 (yì fěng),
Gbl 12 (wán gǔ),
Gbl 11 (tóu qiào yīn),
Gbl 19 (nǎo kōng),
Gbl 2 (tīng huì),
Gbl 21 (jiān jǐng) in Richtung
3E 15 (tiān liáo). Alle diese Punkte werden mit sedierender Methode behandelt, mit milder Stimulation und Einstechen der Nadel bis zur Muskelschicht.
Als Fernpunkte werden genadelt:
3E 2 (yè mén),
Di 4 (hè gǔ),
Lu 7 (liè quě), die alle sedierend mit starker Stimulation genadelt werden. Die Behandlung erfolgt ein- bis zweimal täglich.
Modifikationen
Bei Schmerzen im Processus mastoideus steche man
Ma 6 (jiá chě) oder führe eine leichte lokale Akupunktur mit mehreren Nadeln und sedierender Manipulation durch; bei Blasen im Nacken oder am Mastoid akupunktiere man
Pk 4 (xī mén) mit sedierender Manipulation; bei Geschmacksverlust in den vorderen der Zunge steche man
3E 2 (yè mén) in Richtung
H 8 (shào fǔ) mit sedierender Manipulation, um die Hitze zu klären; bei wenig oder keinem Tränenfluss akupunktiere man
N 6 (zhào hǎi) mit tonisierender Manipulation, um das Holzelement durch Stärken des Wasser-Elements zu tonisieren; bei Migräne punktiere man lokal und oberflächlich mit vielen Nadeln und sedierender Manipulation.
B. Erholungsstadium
Dieses umfasst die Zeitspanne von zehn Tagen bis sechs Wochen nach Beginn der Erkrankung. Die örtlichen Symptome und die Funktion erholen sich allmählich und die Wind-Hitze-Erkrankung im shào yáng-Meridian ist unter Kontrolle gebracht. Yáng míng- und shào yáng-Meridian werden nun gleichbehandelt. Das Behandlungsprinzip besteht darin, den shào yáng und den yáng míng zu klären und zu lösen (qīng jiě shào yáng, yáng míng) und ergänzend die Sehnen zu entspannen und die Verbindungsgefäße zu aktivieren (shū jīn huó luò).
Behandlungsvorschrift
Gbl 20 (fěng chí),
Gbl 12 (wán gǔ),
3E 17 (yì fěng),
Ma 2 (sì bái),
Di 20 (yíng xiāng),
tài yáng,
3E 18 (chì mài),
Ma 4 (dì cāng),
Ma 6 (jiá chě). Diese Punkte sollen erst tonisierend und dann sedierend gestochen werden mit leichter Stimulation, wobei die Nadel die oberflächliche Muskelschicht erreicht.
An distalen Punkten werden
Di 4 (hè gǔ),
3E 3 (zhōng zhǔ),
Lu 7 (liè quě) und
Ma 36 (zú sān Iǐ) auf der betroffenen Seite gestochen, jeweils mit mäßiger Stimulation. Alle Punkte werden sediert, bis auf
Ma 36 (zú sān Iǐ), der tonisiert wird.
C. Stadium der Folgeerscheinungen
Dieses beginnt sieben Wochen nach dem Beginn der Erkrankung. Die Krankheitserscheinungen sind kompliziert und sollten dem Einzelfall angepasst flexibel behandelt werden.
Unvollständige Erholung der Funktion, wobei hauptsächlich lokale Symptome bestehen bleiben. Die Behandlung besteht im Wesentlichen darin, die Sehnen zu entspannen durch Akupunktur von lokalen Punkten.
- Unvollständige Beweglichkeit der Oberlippe, auf der betroffenen Seite abgeflachte Nasolabialfalte; LG 26 (rén zhōng) und drei weitere lokale Punkte, beispielsweise die Enden und die Mitte der Nasolabialfalte auf der betroffenen Seite.
- Unfähigkeit, die Augenbrauen zu heben, Abflachung der Stirnfalten: drei Punkte auf der betroffenen Seite, beispielsweise die Enden und die Mitte der Falten auf der betroffenen Seite.
- Unvollständiger Augenschluss und Tränenfluss: Bl 2 (zǎn zhú), 3E 23 (sī zhú kōng), Bl 1 (jīng míng) auf der betroffenen Seite.
- Abfallender Mundwinkel: KG 24 (chéng jiāng), jiā chéng jiāng (1 cùn lateral von chéng jiāng) auf der betroffenen Seite.
Alle Punkte werden mit kurzer starker Stimulation tonisiert, wobei die Nadel die oberflächliche Muskelschicht erreicht. Am Punkt
Ma 36 (zú sān Iǐ) oder an lokalen Punkten kann man auch moxibustieren. Bei hartnäckigen Fällen kann man auch intraauriculär mit Rhizoma Atractylodis moxibustieren. Bei verschleppten Fällen, die schon mehrere Monate andauern, soll man die Patienten ermutigen, die Behandlung in Kombination mit traditioneller Kräutertherapie weiterzuführen. Die Symptome können sehr unterschiedlich gebessert werden.
Zittern und Kontrakturen der Gesichtsmuskulatur entstehen durch Unterernährung der Sehnen, die Bewegungen des Windes hervorrufen: Zur Behandlung muss man das Blut nähren und die Sehnen weich machen (yǎng xuè róu jīn). Dazu wählt man sowohl lokale als auch Fernpunkte aus:
Gbl 13 (běn shén),
Ma 8 (tóu wéi),
Gbl 20 (fěng chí),
Gbl 12 (wán gǔ),
tài yáng, auf der betroffenen Seite sowie
Di 4 (hè gǔ),
Di 11 (qū chí),
MP 6 (sān yīn jiāo),
Le 3 (tài chōng),
MP 1 (yīn bái) auf beiden Seiten. Die Punkte werden mäßig stimuliert, an den Punkten
MP 6 (sān yīn jiāo),
Le 3 (tài chōng) und
MP 1 (yīn bái) tonisiert, an den anderen sediert.
Lokale Gefühlsstörungen, Taubheit und Gefühllosigkeit: Oberflächliches Beklopfen der Haut mit der Pflaumenblütennadel bis zum Eintritt von kleinen Blutungen.
Subkutane Fremdkörper wie Knoten und fadenförmige Gebilde: Moxibustion mit 5 bis 7 kleinen Moxakegeln oder 3 bis 5 Moxakegeln über einer Ingwerscheibe.