Die richtige Punktauswahl entlang der Meridiane verbunden mit der richtigen Manipulation der Nadeln kann bei Fazialisparese (Gesichtslähmung) die Erfolgsquote der Behandlung verbessern.

Punktauswahl und Manipulation

Die wichtigsten Punkte sind Ma 4 (dì cāng), Ma 6 (jiá chě), Di 4 (hè gǔ), wobei Di 4 (hè gǔ) auf der Gegenseite gestochen werden sollte, denn der yáng míng-Meridian kreuzt ja die Seite nach seinem Verlauf um den Mund herum. Unterstützende Punkte sind 3E 18 (chì mài), Di 20 (yíng xiāng), Gbl 14 (yáng bái) in Richtung yú yāo gestochen und 3E 17 (yì fěng). Die Art der Manipulation, ob tonisierend oder sedierend, sollte entsprechend des Patietenzustands entschieden werden.

Fallbeispiel

Ein 40iähriger Mann schlief am Silvesterabend in einem warmen Raum und wachte am nächsten Morgen mit einem dumpfen Gefühl in der linken Wange und einem schiefen Mund auf. Tagsüber konnte er sein linkes Auge nicht schließen. Eine Woche später kam er in unser Krankenhaus. Bei der Untersuchung wich sein Mund nach rechts ab und Speichel rann ihm aus dem Mund. Die Falten auf der Stirn waren verstrichen. Er konnte seine Augenbrauen nicht heben, und wenn er das linke Auge schloss, war noch 1 cm Sklera sichtbar. Die suborbitalen Falten waren abgeflacht und der Processus mastoideus druckschmerzhaft. Seine Zunge war nicht steif, dennoch waren die Kaubewegungen behindert. Er hatte einen schwebenden Puls (fú) und einen gelben Zungenbelag. Es wurde die Diagnose „schlechtes Abwehr-yáng und Eindringen von pathogenem Wind in die Verbindungsgefäße“ gestellt. Die leeren Meridiane waren fehlernährt und atrophiert. Weil es sich hier um ein Mischbild aus Mangel und Überschuss handelte, musste man gleichzeitig sowohl sedieren als auch tonisieren, um den pathogenen Wind auszuleiten und die Energie der Meridiane anzuregen. Zunächst wurde am Punkt 3E 17 (yì fěng) sedierend manipuliert mit sechsmaligem schnellen Heben und langsamen Stoßen sowie einfachem Einstechen und dreifachem Herausziehen, dann Erweitern der Einstichstelle durch Schwenken der Nadel, um so den pathogenen Wind zu entfernen. Anschließend wurden Ma 4 (dì cāng), Ma 6 (jiá chě), 3E 18 (chì mài), Gbl 14 (yáng bái) in Richtung yú yāo, Di 20 (yíng xiāng) und Di 4 (hè gǔ) rechts genadelt mit folgender Manipulationsform: einmaliges Herausziehen und dreimaliges Vorschieben der Nadel, schnelles Hineinstechen und langsames Zurückziehen, dieses insgesamt neunmal durchgeführt. Ma 4 (dì cāng) wurde hierbei in Richtung Ma 6 (jiá chě) und Ma 6 (jiá chě) in Richtung Ma 4 (dì cāng) genadelt und die Nadeln jeweils 2 cùn tief vorgeschoben. Gbl 14 (yáng bái) wurde in Richtung yú yāo etwa 1 cùn entlang der Hautoberfläche genadelt. An den anderen Punkten wurde die Nadel senkrecht eingestochen in eine Tiefe von etwa 5 bis 8 fěn, dann zehn Minuten belassen. Während dieser Zeit wurden die Nadeln in der fünften Minute und beim Herausziehen mit der oben beschriebenen Technik manipuliert. Die Nadeln wurden langsam herausgezogen und die Einstichstellen mit dem Finger schnell zugedrückt. Die Manipulationen wurden sehr exakt durchgeführt, um den Behandlungserfolg zu vergrößern. Nach der ersten Behandlung war bereits der Schmerz im Mastoid gebessert. Daher wurde die Akupunktur von 3E 17 (yì fěng) weggelassen. Nach der zweiten Sitzung war die Verziehung des Mundes vermindert. Er konnte die Augenbrauen heben, das linke Auge fast vollständig schließen und die Falte unter dem Auge erschien wieder. Nach zehn Behandlungen konnte das linke Auge völlig geschlossen werden, die Stirnfalten waren wieder da, der Mund war nicht mehr verzogen, die Kaubewegungen normal. Beide Wangen waren symmetrisch mit leichter Abweichung der Oberlippe, wenn er lachte. Der Patient war zu 90% geheilt, und die Behandlung wurde abgebrochen. Nach einem Monat waren alle Symptome verschwunden. Bei der Nachuntersuchung nach drei Monaten war er völlig normalisiert.

BUCHEMPFEHLUNGEN

Bernot, Johannes

Akupunkturkombinationen

Die Kunst des Kombinierens

Klassische Punktkombinationen aus 1.700 Jahren Akupunkturtradition werden in diesem Buch erstmals systematisch nach Syndromen erfasst und in strukturierter Weise für die tägliche Praxis erschlossen. Die Auswahl von Akupunkturpunkten erfolgt üblicherweise über die Leitsymptome, das Wissen um die Punktkombinationen zur Behandlung von Syndromen ist im Westen bislang noch wenig erschlossen.