A. Punktauswahl nach den Krankheitssyndromen

Blockierung der Meridiane durch Wind und Kälte

Akupunktur von Di 11 (qū chí) beidseitig, auf der kranken Seite tài yáng, Di 20 (yíng xiāng) oder Ma 2 (sì bái) mit sedierender Manipulation. Gleichzeitig sollten Ma 7 (xià guān) und Ma 6 (jiá chě) mit sedierender Manipulation genadelt werden. An diesen beiden Punkten soll ebenfalls moxibustiert werden, indem die Nadel durch die Moxarollenstücke geführt und etwa eine halbe bis eine Minute lang mit Drehen und Rotieren manipuliert wird. Die Nadeln werden 20 bis 40 Minuten liegengelassen und in dieser Zeit drei- bis viermal manipuliert.

Blutmangel und pathogener Wind

Tonisierende Akupunktur von MP 6 (sān yīn jiāo), sedierende Nadelmanipulation beidseits an Di 11 (qū chí) und bilaterale Akupunktur von Punkten, die für die betroffene Seite von Bedeutung sind.

Eindringen von Wind und Hitze

Akupunktur mit sedierender Manipulation am Punkt Di 4 (hè gǔ) und an wichtigen Punkten auf der betroffenen Seite. Wenn auf der betroffenen Seite das Mastoid schmerzhaft ist, soll auch 3E 17 (yì fěng) mit sedierender Manipulation genadelt werden, um die stagnierende Hitze zu klären.

Überschießende Hitze und aufflammender Wind

Di 4 (hè gǔ) und Le 3 (tài chōng) werden sedierend genadelt, ebenso abwechselnd verschiedene wichtige Punkte auf der betroffenen Seite mit sedierender Manipulation.

Überschießende Hitze im Bereich yang ming

Di 4 (hè gǔ) und Ma 44 (nèi tíng) beidseits sowie abwechselnd verschiedene wichtige Punkte werden sedierend genadelt. Bei Verstopfung wird Ma 36 (zú sān Iǐ) beidseits akupunktiert.

Überschießende Hitze in Leber und Gallenblase

Beidseitige Akupunktur von Di 4 (hè gǔ), Gbl 40 (qiū xū) und Le 3 (tài chōng) sowie abwechselnd verschiedene wichtige Punkte auf der betroffenen Seite, alle mit sedierender Manipulation.

Mangel an qì und Blut

Di 4 (hè gǔ) und MP 6 (sān yīn jiāo) werden tonisierend beidseitig genadelt sowie abwechselnd verschiedene wichtige Punkte auf der betroffenen Seite, ebenfalls mit tonisierender Manipulation.

Mangel an innerem qì

Di 4 (hè gǔ) und Ma 36 (zú sān Iǐ) beiderseitig mit tonisierender Manipulation sowie verschiedene wichtige Punkte auf der betroffenen Seite abwechselnd ebenfalls tonisierend akupunktiert.

B. Auswahl der wichtigen Punkte auf der betroffenen Seite

Am häufigsten werden Ma 7 (xià guān), Ma 6 (jiá chě), tài yáng und Ma 4 (dì cāng) akupunktiert.

  • Bei Unfähigkeit, die Stirn zu runzeln, nehme man Gbl 14 (yáng bái) hinzu;
  • bei Beeinträchtigung der Lippenbewegungen LG 26 (rén zhōng) und KG 24 (chéng jiāng);
  • bei verstrichener Nasolabialfalte akupunktiere man Di 20 (yíng xiāng) mit sedierender Manipulation;
  • bei angespanntem oder hängendem unteren Augenlid akupunktiere man zusätzlich Ma 2 (sì bái);
  • bei seitlichen Kopf- schmerzen Gbl 20 (fěng chí) mit sedierender Manipulation, wobei das Nadelgefühl sich in der betroffenen Seite ausbreiten muss;
  • bei verzogener Oberlippengrube und Speichelfluss akupunktiere man zusätzlich LG 26 (rén zhōng).

C. Anwendung von sedierenden oder tonisierenden Manipulationstechniken

Bei Erschlaffung der Sehnen und Gefäße auf der betroffenen Seite muss man tonisieren; bei angespannten Sehnen und Gefäßen und teilnahmslosem Gesicht muss man sedierend manipulieren.

Im Frühstadium der Erkrankung, auch wenn die Sehnen und Gefäße im Gesicht schlaff sind, muss man sedieren oder erst sedieren und dann tonisieren.

Bei langdauerndem Verlauf mit angespannten Sehnen und Gefäßen soll man zunächst sedieren und dann tonisieren, andernfalls werden die pathogenen Faktoren blockiert und können nicht überwunden werden.

Fallbeispiel 1: Fazialisparese (Gesichtslähmung)

Ein 45jähriger Arbeiter kam in unser Krankenhaus. Aus unbekanntem Grund litt er seit zehn Tagen an einer linksseitigen Gesichtslähmung mit inkomplettem Augenschluss links und Tränenfluss sowie mit Verziehung des Mundes nach rechts. Er konnte die Stirn nicht runzeln oder heben, die Wangen nicht aufblasen und nur unter Schwierigkeiten kauen. Nahrungsreste und Flüssigkeiten kamen aus seinem Mundwinkel, er war kurzatmig, harninkontinent, impotent und musste häufig Wasser lassen.

Das Prinzip der Behandlung war: Blut und qi zu nähren, die Sehnen zu stärken und den Mangelzustand aufzufüllen.

Auf beiden Seiten wurden Di 4 (hè gǔ) und MP 6 (sān yīn jiāo) genadelt, auf der betroffenen Seite tài yáng, Ma 7 (xià guān), Ma 6 (jiá chě) und Ma 4 (dì cāng), alle mit tonisierender Manipulation. Nach vier Sitzungen war er symptomfrei.

Fallbeispiel 2: Fazialisparese (Gesichtslähmung)

Ein 18jähriger Mann klagte, dass er vor einem Monat Schmerzen hinter dem Ohr gehabt habe, anschließend rechtsseitige Kopfschmerzen in der Gegend des Fuß shào yáng-Meridians. Der Mund war nach links verzogen, das Auge konnte nicht ganz geschlossen werden und tränte, die Kaufunktion war eingeschränkt, Nahrungsreste quollen aus dem Mundwinkel, er konnte schlecht sprechen, die Nasolabialfalte war verstrichen, er konnte die Stirn nicht runzeln, die Backen nicht aufblasen und die Stirn nicht heben. Er hatte ein aufbrausendes Temperament, gerötete Augen, ein rotes Gesicht, eine rote Zunge mit gelbem Belag, einen gespannten und beschleunigten Puls (xián shuò). Der Patient war schon erfolglos mit verschiedenen traditionellen und westlichen Arzneimitteln und Therapieformen behandelt worden.

Wir diagnostizierten hier aufflammendes Feuer in Leber und Gallenblase, das in Gesicht und Kopf eindringt. Die Therapie bestand demzufolge in der Vertreibung des Feuers in Leber und Gallenblase.

Wir behandelten mit Akupunktur von Di 4 (hè gǔ), Le 3 (tài chōng) und Gbl 40 (qiū xū) beidseits sowie Ma 6 (jiá chě), Ma 7 (xià guān), Ma 4 (dì cāng) und tài yáng, die abwechselnd genadelt wurden. Nach 14 Behandlungen war er symptomfrei.