In der klinischen Praxis ist bei der akuten funktionellen uterinen Blutung die erste Therapie die Blutstillung. Erst wenn die Blutung gestillt ist, kann man sich mit der Art des vorliegenden Syndroms auseinandersetzen. Man muss dann den Überschuss vom Mangel unterscheiden und entsprechend behandeln. Zum Zweck der Blutstillung wird der Punkt MP 1 (yīn bái) mit einer dünnen Nadel schnell akupunktiert und mit der Methode des Öffnens und Schließens manipuliert, indem man mit Drehen und Rotieren sowie Heben und Senken der Nadel tonisierend manipuliert. Mit dem Daumen dreht man die Nadel und sticht sie dabei noch tiefer bis zu einer Tiefe von drei bis vier fěn ein. Wenn das qì-Gefühl angekommen ist, zieht man die Nadel heraus und drückt das Einstichloch zu. Am 17. Wirbel wird dann mit der Moxibustionsdose 20 Minuten lang moxibustiert. Der 17. Wirbel ist ein außerordentlicher Punkt zur Behandlung von Störungen der Menstruation. Moxibustion an diesem Punkt wärmt das yáng, stärkt qì (wěn yáng yì qì) und hält das Blut (shè xuè). Damit wird eine synergistische Wirkung zu MP 1 (yīn bái) erzielt. Bei Mangelzuständen der Milz wird zusätzlich Bl 20 (pí shū) akupunktiert, bei Mangelzuständen der Nieren Bl 23 (shèn shū). Weil der Punkt MP 1 (yīn bái) die Wurzel des Milzmeridians ist, kann eine Tonisierung an diesem Punkt die Energie der Milz sehr gut stärken und zusammengebrochenes yáng wieder anheben (shěng xīng xià xiàn zhi yáng). Bei tröpfelnden Blutungen muss man zur Therapie zwei Gesichtspunkte beachten. Wenn das Blut blass und dünnflüssig ist, die Patientin Wundheitsgefühle in der Taille und im Bauch hat, die Gliedmaßen schwach und der Puls versunken und schmal ist, dann handelt es sich um ein Mangelsyndrom. Hier muss man das Durchdringungsgefäß und das Konzeptionsgefäß konsolidieren (gù shè chōng rèn) und qì stärken, um die Blutung zu stillen (yì qì zhǐ xuè). Dazu wird LG 20 (bǎi huì) akupunktiert und tonisierend manipuliert oder mit der Moxarolle fünf bis zehn Minuten lang moxibustiert. Bl 20 (pí shū) und KG 6 (qì hǎi) werden ebenfalls tonisiert, um die Milz zu stärken und das qì zu kräftigen, und Durchdringungsgefäß und Konzeptionsgefäß zu konsolidieren. Di 4 (hè gǔ) kann, wenn er tonisiert wird, hierzu synergistisch wirken. MP 6 (sān yīn jiāo) tonisierend genadelt, stärkt die Milz, so dass sie das Blut zusammenfassen kann (tǒng xuè). Diese Behandlung wird einmal täglich durchgeführt und die Nadeln 20 Minuten liegengelassen. Im Allgemeinen sind vier bis fünf Behandlungen wirkungsvoll. Wenn das ausgeschiedene Blut dunkelfarbig und klebrig ist, die Patientin Schmerzen im Unterbauch hat und der Puls versunken, gespannt und schmal ist, dann ist dies ein gemischtes Syndrom aus Überschuss und Mangel. Hier muss man zuerst qì regulieren (lǐ qì). Dazu akupunktiert man Bl 32 (cì liáo), KG 4 (guān yuán), Ma 29 (guī lái), Di 4 (hè gǔ) und MP 6 (sān yīn jiāo) und manipuliert sedierend, um so den Fluss von qì und Blut zu aktivieren, so dass mehr Blut ausgeschieden wird. Durchdringungsgefäß und Konzeptionsgefäß werden reguliert und die Blutung hört von allein auf. Das ist eine Behandlungsmethode des Öffnens bei tröpfelnder Blutung, und man sollte sie mit großer Vorsicht anwenden.

Fallbeispiel

Eine 41jährige Frau hatte meist eine verfrühte Menstruationsblutung mit Ausscheidung von hellrotem Blut und Klumpen. Die Blutung dauerte 14 Tage in voller Stärke an. Sie klagte über Schwindel, Ohrgeräusche, nervöse Unruhe und hatte eine blasse Zunge mit dünnem weißem Belag und Zahneindrücken. Die Diagnose lautete: Mangelzustand der Milz, die nicht in der Lage ist, das Blut zu halten (pí xū shī shè), sowie Verlust der Stabilität im Durchdringungsgefäß (chöng-Meridian) und Konzeptionsgefäß (chōng rén bú gù). Die Behandlung musste die Milz kräftigen, das qì tonisieren (jiàn pí yí qì) und die Blutung stillen, um die Gefäße zu festigen (zhǐ xuè gù jīng). MP 1 (yīn bái) wurde, ohne die Nadel liegenzulassen tonisierend akupunktiert, und am 17. Wirbel wurde warm moxibustiert. Nachdem diese Behandlung am Morgen beendet war, hatte sie am Nachmittag bereits geringere Blutungen, und diese waren am nächsten Tag gestillt. Sie hatte nur noch kalte Gliedmaßen und etwas Schwindel. Nun wurde sie auf dieselbe Weise behandelt, zusätzlich wurde Bl 20 (pí shū) tonisierend akupunktiert, um so die Wurzel zu behandeln. Nach einem halben Jahr wurde sie nachuntersucht und hatte normale Menstruationsblutungen.

BUCHEMPFEHLUNGEN

Kirschbaum, Barbara

Handbuch Zungendiagnostik

Die Zungenzeichen in der Chinesischen Medizin

Die Zungendiagnostik ist wesentlicher Bestandteil einer vollständigen Chinesischen Diagnose. Sie ist wichtig für eine zielführende therapeutische Entscheidung und vor allem für die prognostische Beurteilung des Krankheitsverlaufs. Die Zungenzeichen geben außerdem Aufschluss über konstitutionelle und energetische Stärken und Schwächen des Patienten.