A. Mangel an qì und Blut (qì xuè kuī xū), der eine Unterernährung der Sehnen verursacht (jīng jīn shī yǎng)
Symptomatik: Gesichtskrämpfe (Gesichtsspastik), begleitet von Kurzatmigkeit, allgemeiner Lustlosigkeit, Übelkeit, Palpitationen, Appetitverlust, weichen Stühlen, Zwang zum häufigen Wasserlassen, Schlaflosigkeit, traumgestörtem Schlaf, Verstärkung der Symptome nach körperlicher Anstrengung, eine blasse, massige Zunge mit dünnem Zungenbelag, ein leerer schwacher Puls (xū ruò).
Patienten mit Mangel an qì können ein angespanntes Gesicht haben, das morgens schlimmer und in der Nacht gebessert ist; Patienten mit Mangel an Blut können eine fahle Gesichtsfarbe haben und ein taubes Gefühl im Gesicht, in der Zunge, im Ohr und den Gliedmaßen, das in der Nacht und nach langdauernder Anstrengung der Augen verschlimmert und morgens gebessert ist.
Die Behandlung muss qì und Blut stärken (bǔ yì qì xuè), den Wind eliminieren und die Krämpfe erleichtern (xī fěng jiě fìng).
Folgende Punkte werden ausgewählt
- zur Stärkung von qì und Blut: KG 12 (zhōng wǎn), KG 6 (qì hǎi), Ma 36 (zú sān Iǐ), MP 6 (sān yīn jiāo);
- zur Austreibung des Windes LG 20 (bǎi huì), LG 16 (fěng fǔ), Gbl 20 (fěng chí);
- zur Aktivierung von qì alternativ Di 4 (hè gǔ) oder Lu 7 (liè quě);
- zur Behandlung der Spasmen im Gesicht Ma 2 (sì bái), Dü 18 (quán liáo), Ma 5 (dà yíng) mit der glühenden Nadel;
- bei Verschlimmerung der Symptomatik nach körperlicher Arbeit H 5 (tōng lǐ) und N 4 (dà zhōng) mit tonisierender Manipulation;
- wenn das Zittern in den Augenlidern nach der Behandlung bestehen bleibt, soll man Di 4 (hè gǔ) durch Dü 6 (yǎng lǎo) ersetzen, um qì zu aktivieren.
B. Mangel an yīn in Leber und Niere (gān shen yīn xū) mit mangelnder Befeuchtung der Sehnen und Meridiane (jīng jīn shī rú)
Symptomatik: Gesichtskrämpfe, die begleitet werden von Schwindel, Übelkeit, Schlaflosigkeit, traumgestörten Schlaf, heftiges Temperament, verschwommene Sicht, Verschlimmerung der Symptomatik nach Wutanfällen. Bei Frauen sind vorzeitige Menstruationsblutungen nicht selten, wobei die Blutungen eher spärlich sind. Weiterhin findet man eine rote Zunge mit einer zentralen Fissur, einen gespannten, schmalen und beschleunigten Puls (xián xì shuò).
Die Behandlung soll Leber und Niere stärken, Wind und Krämpfe unterdrücken.
Folgende Punkte werden ausgewählt:
Le 3 (tài chōng), N 3 (tài xī), KG 4 (guān yuán) tonisierend manipuliert, LG 20 (bǎi huì), Gbl 20 (fěng chí), Di 4 (hè gǔ) zur Aktivierung von qì. Wenn die Symptomatik sich nach einem Wutanfall verschlimmert, werden Gbl 40 (qiū xū) und Le 5 (yáng xī) dazugegeben.
C. Mangel an yīn und aufsteigendes yáng (yīn xū yáng kàng) das sich in Wind und Feuer verwandelt (huà huó shěng fěng)
Symptomatik: Gesichtskrämpfe, die begleitet werden von Kopfschmerzen, Übelkeit, einem heftigen Temperament, dunkelfarbigem Urin, trockenem Stuhl, trockenem Mund, einer roten Zunge mit trockenem gelbem Belag, einem gespannten und beschleunigten Puls (xián shuò). Die Stagnation des qì wird durch Schlafentzug verschlimmert.
Die Behandlung muss das yīn nähren, das Feuer eindämmen (bǔ yīn xiě huǒ), den Wind eliminieren und die Krämpfe erleichtern (xī fěng jiě fìng).
Folgende Punkte werden ausgewählt:
Le 3 (tài chōng) wird tonisiert, Di 4 (hè gǔ), LG 20 (bǎi huì) und Gbl 20 (fěng chí) werden nur genadelt; bei trockenen Stühlen wird zusätzlich Ma 25 (tiān shū) genadelt; bei bitterem Geschmack im Mund wird Gbl 34 (yáng líng quán) zugefügt.
D. Innerer Wind, der durch äußeren Wind ausgelöst wird (wài fěng yǐn dòng nèi fěng)
Symptomatik: Gesichtskrämpfe, die durch Hitze gebessert, durch Kälte und Wetterwechsel verschlimmert werden, verstärkt im Winter und weniger heftig im Sommer auftreten; gespanntes und steifes Gesicht, druckempfindliche Punkte im Gesicht, die anamnestisch schon einmal durch Kälte geschädigt waren, keine Verziehung von Mund oder Augen, eine pinkfarbene oder dunkelrote Zunge mit dünnem weißem Belag, ein gespannter oder enger Puls (xián jǐn).
Die Behandlungsprinzipien sind Anwärmung und Vertreibung von Wind-Kälte (wěn sàn fěng han), Unterdrückung und Befreiung von Wind und Krämpfen (xī fěng jiě fìng).
Die Syndrome treten häufig in gemischter Form auf, daher ist es sinnvoll, die Akupunkturpunkte im Einzelfall zusätzlich zur Differenzierung der Syndrome auch nach den betroffenen Meridianen auszuwählen, um ein gutes Behandlungsergebnis zu erzielen. Die Symptome sind besonders wichtig auf dem yáng ming-Meridian.
Folgende Punkte werden ausgewählt:
- Wenn Druckempfindlichkeit an den Punkten Ma 2 (sì bái), Ma 4 (dì cāng), Ma 5 (dà yíng), Ma 6 (jiá chě) oder Ma 8 (tóu wéi) getastet werden kann oder bei Druck auf diese Punkte die Krämpfe erleichtert werden, soll man Ma 45 (Iì duì) und Ma 8 (tóu wéi) nadeln.
- Wenn die Punkte Di 18 (fú tú) und Di 19 (hé liáo) in ähnlicher Weise reagieren, akupunktiere man Di 11 (qū chí) und Ma 8 (tóu wéi).
- Wenn die Krämpfe im Gesicht immer verbunden mit Schwindel auftreten oder die Punkte
Gbl 12 (wán gǔ), Gbl 20 (fěng chí) oder Gbl 40 (qiū xū) druckempfindlich sind, soll man Gbl 11 (tóu qiào yīn) und Gbl 2 (tīng huì) akupunktieren. - Wenn der äußere Gehörgang druckempfindlich ist, akupunktiere man die Punkte 3E 3 (zhōng zhǔ) und 3E 23 (sī zhú kōng).
- Wenn die Punkte Bl 17 (gé shū) oder Dü 11 (tiān zōng) druckempfindlich sind, akupunktiere man an den Punkten Bl 6 (chéng guāng) und Bl 1 (jīng míng) oder Dü 6 (yǎng lǎo) und Bl 2 (zǎn zhú).
- Treten erschwerend geistige oder psychische Faktoren hinzu, so soll man auch LG 15
(yǎ mén) akupunktieren.
Fallbeispiel Gesichtsspastik
Eine 44jährige Frau klagte über Gesichtskrämpfe, die seit acht Jahren auftreten würden. Sie hatte nach einem Wutanfall schwere frontale Kopfschmerzen bekommen, verbunden mit Schwindel und Übelkeit. Die Kopfschmerzen konnten durch kalte Kompressen auf die Stirn und durch Schmerzmittel gelindert werden. Einen Monat später traten Gesichtskrämpfe auf, zunächst nur 1-2mal. Die Situation verschlechterte sich aber dergestalt, dass nun die Kontraktionen gleichmäßig den ganzen Tag über auftraten. Sie konnte dann weder die Augen öffnen, noch sprechen oder lesen. Die Krämpfe wurden schlimmer während der Menstruation und im Winter. Sie war bereits in fünf verschiedenen Krankenhäusern behandelt worden, mit Behandlungszeiten von 2-9 Monaten und unterschiedlichen Therapiemethoden wie traditionellen und westlichen Medikamenten, Elektrostimulationsakupunktur, Vitamin B 12-Injektionen, sämtlich ohne Erfolg. Stuhlgang und Urin, Schlaf und Appetit waren normal, sie hatte einen Menstruationszyklus von 26-28 Tagen mit einer Periode von fünf Tagen in jedem Zyklus und starken Blutungen. Bei der Aufnahmeuntersuchung hatte sie eine pinkfarbene Zunge mit Zahneindrücken an den Seiten und einer zentralen Fissur und einem schlüpfrigen Belag sowie einen versunkenen, schmalen, gespannten Puls (chén xì xián).
Hier lag ein Mangel an qì und Blut vor (qì xuè kuī xū), der ein innerliches Aufsteigen von Leber-Wind bewirkt (gān fěng nèi dòng). Die Behandlung sollte darin bestehen, das qì des Blutes zu nähren (bǔ yì qì xuè), den Wind zu unterdrücken und die Krämpfe zu beenden (xī fěng jiě fìng).
Über 24 Sitzungen wurden die Punkte MP 9 (yīn Iíng quán), Ma 36 (zú sān Iǐ), LG 20 (bǎi huì) und Di 4 (hè gǔ) genadelt. Anschließend waren die Symptome deutlich gemildert. Nachts waren die Krämpfe völlig verschwunden. Die Häufigkeit des Auftretens, die Stärke des Anfalls und das betroffene Gebiet waren gebessert und die Dauer der Anfälle geringer geworden.
Nun wurde zusätzlich LG 15 (yǎ mén) genadelt. Nach 42 Sitzungen waren nun die Symptome weitgehend gebessert. Sie hatte anfallsfreie Intervalle von bis zu 48 Stunden, nur gelegentlich hatte sie Krämpfe, wenn sie sehr lange ihre Augen anstrengte oder sehr lange sprach.
Nun wurden LG 15 (yǎ mén) und Gbl 20 (fěng chí) zusätzlich zu den obigen Punkten alternierend genadelt. Nach 48 Sitzungen war sie kräftiger geworden, konnte mit dem Fahrrad zwei Stunden fahren, um ins Krankenhaus zu kommen.
Nach 58 Sitzungen, wobei nun zusätzlich alternierend Di 4 (hè gǔ) und Lu 7 (liè quě) genadelt wurden, hatte sie nur noch ein etwas empfindliches Gefühl während der Menstruation oder an bewölkten oder regnerischen Tagen. Sie hatte innerhalb eines Jahres 71 Behandlungen erhalten. Bei der Nachuntersuchung nach zehn Jahren hatte sie bei gelegentlichen emotionalen Erregungen ein Spannungsgefühl im Gesicht und ganz selten einen Krampfanfall.























































































































































































































































































































































