Man kann folgende Arten von Harnbeschwerden (v.a. Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Harnretention, Anurie oder Urämie) unterscheiden: Ansammlung und Blockade von Nässe-Hitze (shī rè yōng jī), Absinken des qì der Mitte (zhōng qì xià xiàn), Schwäche des Feuers im Tor des Lebens (mìng mén huǒ shuāi), übermäßige Hitze in der Lunge (fèi rè yōng shèng) sowie Stagnation von qì und der Energie der Leber (gān yù qì zhì). Die ersten drei Formen sind dabei die häufigsten und werden im Folgenden beschrieben.

a) Nässe-Hitze

Hier akupunktiert man KG 3 (zhōng jí) und Gbl 34 (yáng líng quán) und manipuliert mit tòu tiān liáng-Methode sedierend (Sedierungstechnik zum Kühlen bei fiebrigen Erkrankungen: Während der Patient einatmet, wird die Nadel langsam bis zu der angegebenen Tiefe eingestochen und sanft gedreht, bis sich ein kühles Gefühl ausbreitet. Dann wird die Nadel schnell ein wenig angehoben und wieder vorsichtig gedreht. Nach dem dritten Anheben und Drehen wird die Nadel schnell herausgezogen und die Einstichstelle offengelassen). Wenn der Patient über nervöse Unruhe klagt, Schlaflosigkeit, Ulzerationen oder Aphthen im Mund hat, akupunktiert man zusätzlich H 5 (tōng lǐ) oder H 7 (shén mén) um das Feuer im Herzen zu klären (qīng xīn huǒ).

Die Stagnation von Nässe-Hitze kann zur Behinderung des qi-Flusses im Dreifachen Erwärmer führen und zur Entstehung von Schwierigkeiten beim Wasserlassen, Harnretention, Anurie oder Urämie. Das zeigt sich in matter Hautfarbe, Appetitverlust, nervöser Unruhe, Übelkeit, Erbrechen, Mundgeruch, übelriechendem Urin, manchmal treten sogar delirante Zustände auf. Hier akupunktiert man zusätzlich Ma 36 (zú sān Iǐ) und KG 12 (zhōng wǎn), um die Hitze zu klären, die Nässe auszuleiten (qīng lì shī rè), den Magen zu harmonisieren und das Trübe nach unten zu leiten (hé wèi jiàng zhuó).

b) Absinken des qi im Innern des Körpers

Hier akupunktiert man Di 4 (hè gǔ) und Ma 36 (zú sān Iǐ) mit tonisierender Manipulation, um die Mitte zu stärken (bǔ zhōng yì qì). Zusätzlich nadelt man KG 3 (zhōng jí) zur Förderung der Diurese. Die Kombination von nach oben gerichteten Aktionen zum Auffüllen des Mangels und nach unten gerichteten zur Förderung der Diurese verbessert die Diurese.

Bei einem Mangel an qì im Mittleren Erwärmer und unzureichendem qì-Fluss kann man KG 6 (qì hǎi), Di 4 (hè gǔ) und Ma 36 (zú sān Iǐ) akupunktieren und tonisierend manipulieren, um das qì zu stärken und das Absinken wieder anzuheben (yì qì shěng xiàn) und so zu einer Diurese zu kommen.

Bei einem Mangel in der Niere und Versagen der Blasenfunktion, so dass das qì nicht mehr umgewandelt wird (shěng yùn wú lì), bei gleichzeitiger Schwäche der Mitte (zhōng qì bù zú) soll man Di 4 (hè gǔ) und N 3 (tài xī) oder N 7 (fù liū) sowie KG 6 (qì hǎi) akupunktieren, um qì zu stärken und so eine Diurese zu erreichen (huà qì xíng shuǐ).

c) Schwäche des Feuers im Tor des Lebens

Man akupunktiert KG 4 (guān yuán), Bl 23 (shèn shū), N 3 (tài xī) oder N 7 (fù liū) und manipuliert wärmend und tonisierend, um das yáng der Nieren (wěn bǔ shèn yáng) und die Diurese zu fördern.

Bei einem gemischten Bild von Mangel und Überschuss oder bei Fällen, in denen eine Tonisierung nicht günstig erscheint, kann man am Punkt KG 3 (zhōng jí) sedieren und KG 4 (guān yuán), N 3 (tài xī) oder Bl 23 (shèn shū) tonisieren, um eine Diurese zu erreichen (lì shuǐ).

Wenn die Diuretika überdosiert wurden und damit das yáng der Niere verletzt wurde (shāng yú shèn yáng), damit wiederum der Fluss des qì beeinträchtigt wurde (qì huà bù xíng) und eine Dysurie entstanden ist, sollte man den Mangel an yáng in der Niere behandeln.

Die Ergebnisse sind hier auch gut. Bei einem Mangel an Energie in der Niere mit Versagen der Blasenkapazität und der Funktion des qì akupunktiert man N 7 (fù liū), N 3 (tài xī) und KG 3 (zhōng jí) tonisierend, um so das qì der Nieren zu stärken (bǔ shèn huà qi) und so eine Diurese zu erreichen (xíng shuǐ).

Fallbeispiel Harnbeschwerden

Eine 56jährige Frau litt an Harnverhalt seit 17 Tagen. Sie war wegen eines Magenkarzinoms subtotal gastrektomiert worden. Der Harnverhalt begann am zweiten postoperativen Tag und entwickelte sich zur Anurie. Die Patientin wurde katheterisiert und mit Furadantin behandelt. Außerdem bekam sie bā zèng-Pulver für zehn Tage, aber ihr Zustand besserte sich nicht. Der Katheter blieb weiter liegen.

Bei der Untersuchung war die Patientin anurisch. Sie sah ausgezehrt aus mit blassem Gesicht, und der Puls war versunken und schmal (chén xì). Im Urin fanden sich Leukozyten.

Sie wurde mit der Diagnose Mangel an Energie in der Niere und Versagen der Blasenfunktion behandelt (shèn qì bù zú, páng guāng qì huà wú lì). KG 3 (zhōng jí), N 7 (fù liū) und N 3 (tài xī) wurden tonisierend behandelt, um die Fähigkeit der Nieren anzuregen, das qì zu zirkulieren. Nach sieben Behandlungen ging es ihr besser.