Klären (tōng) ist das wesentliche therapeutische Prinzip bei Harnbeschwerden. Wenn ein Überschuss vorherrscht, soll man klärende Methoden anwenden, wenn ein Mangelzustand vorliegt, soll man wärmende und klärende Methoden anwenden.

Klärende Methoden (shū tōng fǎ)

KG 3 (zhōng jí) (oder KG 2 (qū gǔ)), MP 6 (sān yīn jiāo) (oder MP 9 (yīn Iíng quán)) werden akupunktiert. Die Nadeln werden 25 Minuten lang liegengelassen und alle fünf Minuten sedierend manipuliert. Nachdem sie entfernt wurden, akupunktiert man Bl 39 (wēi yáng) mit einer langen Nadel von Bl 31 (shàng liáo) bis zu Bl 34 (xià liáo) entlang der Haut und lässt diese Nadeln 15 Minuten liegen. Auch sie werden alle fünf Minuten manipuliert. Anschließend wird am Punkt Bl 32 (cì liáo) 20 Minuten lang geschröpft. Diese Behandlung wendet man an bei Blutstase, Blockade durch Nässe und Hitzestagnation.

Wärmende und klärende Methoden (wěn tōng fǎ)

Zunächst werden die Punkte Bl 22 (sān jiāo shū), Bl 23 (shèn shū) und Bl 24 (qì hǎi shū) akupunktiert. Die Nadeln werden 20 Minuten liegengelassen und alle fünf Minuten durch Drehen tonisierend manipuliert. Nachdem sie entfernt wurden, moxibustiert man mit der Moxarolle an den Punkten KG 9 (shuǐ fěn), KG 8 (shén què) und KG 6 (qì hǎi) 15 bis 20 Minuten lang. Dies ist indiziert bei Harnbeschwerden aufgrund von Mangel der Energie in den Nieren (shèn qì bù zú) und Schwäche des Feuers am Tor des Lebens (mìng mén huǒ shuāi).

Fallbeispiel 1

Ein 41jähriger Mann litt seit acht Tagen nach einer Cholezystektomie an Harnverhalt. Als der Katheter entfernt wurde, konnte er wieder kein Wasser lassen. Die Blase war jedoch voll. Er bemerkte Harndrang, konnte aber nicht urinieren. Er hatte ein Völlegefühl im Unterbauch, schwitzte und war sehr unruhig. Der Puls war schmal und beschleunigt (xì shuò), der Zungenbelag gelb und fettig.

Die Punkte KG 3 (zhōng jí) und MP 9 (yīn Iíng quán) wurden akupunktiert. Nach dem Erreichen des qì-Gefühls wurden die Nadeln alle fünf Minuten, insgesamt viermal, durch Drehen sedierend manipuliert. Dann konnte er sofort 30 ml Urin lassen. Anschließend wurden bā liáo-Punkte (dies sind die Punkte des Blasen-Meridians, die auf dem Kreuzbein liegen) 20 Minuten lang akupunktiert. Danach konnte der Patient zur Toilette gehen, der Stuhlgang und Wasserlassen normalisierten sich. Nach drei Tagen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen.

Fallbeispiel 2

Eine 28jährige Frau hatte seit vier Tagen spärlichen Urin und mangelnde Urinproduktion. Mit dem Katheter konnten nur 500 ml Urin abgelassen werden. Sie litt an Schwindel, Ohrgeräuschen, Mattigkeit und hatte kalte Schmerzen im Leib. Bei der Untersuchung sah man eine fahle Gesichtsfarbe, eine blasse Zunge und die Pulse waren versunken und schmal (shén xì).

Die Punkte Bl 22 (sān jiāo shū), Bl 23 (shèn shū) und Bl 24 (qì hǎi shū) wurden akupunktiert. Nach dem Erreichen des qi-Gefühls wurden die Nadeln durch Drehen alle fünf Minuten tonisierend manipuliert, insgesamt viermal. Über den Punkten KG 9 (shuǐ fěn), KG 8 (shén què) und KG 6 (qì hǎi) wurde 20 Minuten lang moxibustiert. An diesem Tag ließ sie 2500 ml Urin. Am zweiten Tag ging es ihr besser, und der Katheter wurde entfernt. Die Behandlung wurde wiederholt, und ihre Ausscheidung war anschließend ausreichend.

BUCHEMPFEHLUNGEN

Bernot, Johannes

Akupunkturkombinationen

Die Kunst des Kombinierens

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