Bei der Akupunktur von Harnverhalt ist der Hauptpunkt KG 1 (huì yīn). Zusätzliche Punkte sind Bl 35 (huì yàng), KG 3 (zhōng jí), Bl 67 (zhì yīn), MP 6 (sān yīn jiāo).

Modifikationen

Bei Hitze in der Blase akupunktiert man zusätzlich Bl 67 (zhì yīn), bei Mangel an yīn MP 6 (sān yīn jiāo) bei Mangel an yáng Bl 23 (shèn shū), bei Blutstase MP 10 (xuè hǎi).

Vorgehen

Der Patient liegt auf den Rücken und entspannt alle Muskeln, die Beine werden gespreizt, die Atmung muss gleichmäßig sein. Dann werden die Muskeln des Anus, des Scrotum und des Perineum beim Einatmen angespannt und beim Ausatmen entspannt. Diese Übung soll bis zum Ende der Sitzung durchgehalten werden. Der Akupunkteur konzentriert seine Aufmerksamkeit auf die Nadel und führt sie plötzlich während einer Ausatmung ein. Die Nadel wird vibriert und 1,5 cùn vorgeschoben (nicht zu weit, um das Venengeflecht der perinealen Region zu schonen). Dann wird die Nadel angehalten, damit sie wirken kann und der Patient angewiesen, sich auf das Perineum zu konzentrieren. Dort soll sich ein Hitzegefühl ausbreiten, das bei weiterer Manipulation zunimmt. Die Nadel wird durch Linksdrehen manipuliert, eine Weile liegengelassen und dann unter Verschließen der Einstichöffnung herausgezogen. Akupunktur am Punkt Bl 35 (huì yàng): Der Patient wird angewiesen, sich auf die Harnröhre zu konzentrieren, während er bei der oben beschriebenen Konzentrationsübung ausatmet. Die Nadeln werden nun beidhändig gehalten und langsam in 2,5 bis 3 cùn Tiefe vorgeschoben. Während der Patient einatmet, dreht man die Nadeln mit hoher Frequenz. Sobald das Nadelgefühl sich in Richtung Urethra ausbreitet, dreht man die Nadeln einen vollen Kreis rechtsherum und lässt sie liegen. Der Patient setzt die Atemübungen mit Kontraktion der Perinealmuskeln und Entspannung der Harnröhre für weitere 15 bis 30 Minuten fort. Dann zieht man die Nadeln in der Ausatemphase langsam zurück. Dabei wird der rechte Punkt Pk 8 (láo gōng) eine Weile gedrückt. Bei der nächsten Ausatmung werden die Nadeln am Punkt Bl 35 (huì yàng) schnell herausgezogen. Akupunktur am Punkt KG 3 (zhōng jí): Die Akupunkturnadel wird etwa 2,5 bis 3 cùn tief eingeführt, gleichmäßig manipuliert, so dass das Nadelgefühl sich in Mündung der Harnröhre ausbreitet. Die Nadel wird nicht liegengelassen. Am Punkt Bl 67 (zhì yīn) wird mit der dreikantigen Nadel akupunktiert und sechs Tropfen Blut herausgequetscht. Am Punkt MP 6 (sān yīn jiāo) wird die Nadel senkrecht 1 bis 1,5 cùn tief eingestochen und tonisierend manipuliert, bis das Nadelgefühl sich bis über das Knie ausbreitet. Die Nadel wird 15 Minuten liegengelassen. Am Punkt Bl 23 (shèn shū) kann man moxibustieren, je nach dem Schweregrad des qi-Mangels. Am Punkt MP 10 (xuè hǎi) wird die Nadel senkrecht 1 bis 1,5 cùn tief eingestochen, neutral manipuliert und fünf Minuten liegengelassen.

Fallbeispiel

Ein 65jähriger Universitätslehrer litt seit mehr als zehn Jahren an nächtlicher Polyurie. Seit einem Jahr hatte er Harnträufeln und nur einen dünnen Urinstrahl. Schon zweimal hatte er Phasen mit brennenden Schmerzen in der Harnröhre und Schwellungsgefühl im Perineum durchlitten. Bei der Untersuchung war der Puls weich und schmal (rú xì), die Zunge rot mit dünnem weißem Belag, der an der Zungenwurzel gelb war. Die digitale anale Untersuchung fand die Prostata auf Walnussgroße unter Einbuße der zentralen Grube vergrößert. Er hatte im Urin Eiweiß, Leukozyten und Erythrozyten. Die Diagnose lautete: Mangel an Nieren-yīn (shèn yīn bù zú) mit nach unten laufender Nässe-Hitze (shī rè xià zhù) und dadurch verursachte Dysurie. Die Behandlung musste darin bestehen, das yīn zu nähren (zī yīn), die Hitze zu klären (gīng rè) und die Ausscheidung der Nässe zu erleichtern (lì shī). Es wurden die Punkte wie oben angegeben ausgewählt, außerdem MP 6 (sān yīn jiāo) und Bl 67 (zhì yīn). In derselben Nacht konnte der Patient wieder Wasser lassen, und die Schmerzen waren gelindert. Nach drei Behandlungen war die Fähigkeit zum Wasserlassen wieder ungestört, aber der Harnstrahl war noch nicht so kräftig. Er konnte nachts zweimal schmerzlos urinieren. Nun wurde an jedem zweiten Tag Bl 67 (zhì yīn) akupunktiert. Nach acht Behandlungen war auch dieses Problem behoben, und nach elf Behandlungen wurde die Therapie beendet. Nach zwei Jahren wurde der Patient nachuntersucht und hatte keine Beschwerden.
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