Migränekopfschmerzen können an den Seiten des Kopfes lokalisiert sein, d.h. im Verlauf der Gallenblasenleitbahn. Daher kann man mit Akupunktur an folgenden Punkten dieser Leitbahn gute Ergebnisse erzielen: Gbl 4 (hàn yàn), Gbl 5 (xuán lú), Gbl 6 (xuán Ií), Gbl 8 (shuài gǔ). Diese Punkte liegen in der schmerzenden Region. Am Kopf ist der Zusammenfluss aller yáng-Meridiane, deshalb erzielt man bei Kopfschmerzen mit Akupunktur an diesen Punkten gute Erfolge.

  • Gbl 4 (hàn yàn) und Gbl 8 (shuài gǔ) sind huì-Kreuzungspunkte von dreifachem Erwärmer (Hand shào yáng), Dickdarmleitbahn (Hand yáng míng), Gallenblasenleitbahn (Fuß shào yáng) und Magenleitbahn (Fuß yáng míng).
  • Gbl 5 (xuán lú) ist der huì-Kreuzungspunkt des dreifachen Erwärmers, der Dickdarmleitbahn und der Gallenblasenleitbahn.
  • Am huì-Punkt Gbl 8 (shuài gǔ) kreuzen sich die Gallenblasenleitbahn und der Blasenleitbahn (Fuß shào yáng).

Methode

Man nimmt eine 30 Gauge dicke und 1,5 bis 2 cùn lange Nadel, um von Gbl 4 (hàn yàn) unter der Haut bis zu Gbl 7 (qū bìn) zu stechen und erreicht damit drei Punkte. Man kann von Gbl 4 (hàn yàn) auch zu Gbl 5 (xuán lú) und von Gbl 5 (xuán lú) zu Gbl 6 (xuán Ií) stechen. Gbl 8 (shuài gǔ) liegt über der Ohrspitze 1,5 cùn oberhalb des Haaransatzes. Hier nadelt man mit einer dünnen Nadel entlang der Haut von vorne nach hinten. Die Nadeln werden 20 bis 30 Minuten belassen und alle fünf Minuten leicht drehend stimuliert. Man akupunktiert auf der betroffenen Seite.

Zusätzliche Punkte

  • Wenn es sich um ein Eindringen von äußerem Wind handelt, akupunktiert man außerdem Gbl 20 (fěng chí) und Di 4 (hè gǔ);
  • bei Fieber manipuliert man sedierend am Punkt LG 14 (dà zhuī);
  • bei Blockierung durch inneren Schleim nimmt man Ma 40 (fěng lóng) und MP 9 (yīn Iíng quán) mit tonisierender Manipulation hinzu;
  • bei aufbrausendem yáng der Leber sediert man an den Punkten Le 2 (xíng jiān) und Le 3 (tài chōng) und manipuliert gleichmäßig am Punkt MP 6 (sān yīn jiāo);
  • bei überschießender Hitze im Magenmeridian sediert man an den Punkten Ma 8 (tóu wéi) und Ma 44 (nèi tíng);
  • bei vorherrschender Hitze kann man am Punkt Ma 45 (Iì duì) bluten lassen, indem man einen Blutstropfen von Bohnengröße herausdrückt;
  • bei mangelndem qì und Blut tonisiert man am Punkt Ma 36 (zú sān Iǐ) und moxibustiert für 20 bis 30 Minuten.

Die Behandlungen werden einmal täglich durchgeführt.

Migränekopfschmerzen: Fallbeispiel 1

Eine 24jährige Arbeiterin klagte über linksseitige Kopfschmerzen seit drei Jahren. Die Schmerzen traten in Attacken auf, besonders nach starker Erschöpfung und während der Periodenblutung. Westliche Ärzte hatten gefäßbedingte Kopfschmerzen diagnostiziert, und die Patientin hatte schon verschiedene Therapien ohne Erfolg erhalten. Sie litt an Schwindel, Herzklopfen, Kurzatmigkeit und allgemeiner Erschöpfung.

Bei der Untersuchung hatte sie einen erschöpften Gesichtsausdruck mit fahler Gesichtsfarbe, einen schmalen und schwachen Puls {xì ruò), eine blasse und dicke Zunge mit dünnem weißem Belag. Die Diagnose war: Mangel an qì und Blut (qì xuè liǎng xū).

Die Behandlung musste darin bestehen, das klare yáng anzuheben (shěng jǔ qīng yáng) sowie Blut und qì zu tonisieren (bǔ yì qì xuè). An der betroffenen Seite wurden Gbl 4 (hàn yàn) bis hin zu Gbl 5 (xuán lú) und Gbl 6 (xuán Ií) akupunktiert. Gbl 8 (shuài gǔ) wurde unter der Haut etwa 1 cùn weit gestochen und neutral manipuliert. Ma 36 (zú sān Iǐ) wurde beidseits mit tonisierender Manipulation gestochen. Hier wurde die Nadel 30 Minuten liegengelassen und alle fünf Minuten manipuliert. LG 20 (bǎi huì) wurde für 30 Minuten moxibustiert. Die Behandlung wurde täglich durchgeführt. Nach zwei Sitzungen waren die Kopfschmerzen erleichtert, weitere fünf Sitzungen führten zum Verschwinden der Kopfschmerzen. Nach einem Jahr hatte sie keinen Rückfall gehabt.

Migränekopfschmerzen: Fallbeispiel 2

Eine 32jährige Arbeiterin klagte über linksseitige Kopfschmerzen seit mehr als vier Jahren. Diese wurden durch emotionale Erregung und Wutausbrüche getriggert. Das EKG war unauffällig. Die Patientin hatte schon seit langer Zeit ohne Erfolg Analgetika erhalten. Nervosität verschlimmerte die Kopfschmerzen, dabei waren die Augen gerötet, sie war unruhig, mit leicht erregbarem Temperament, geplagt von Schlafstörungen und heftigen Träumen.

Bei der Untersuchung hatte sie einen gespannten Puls (xián), eine an den Seiten gerötete Zunge mit gelbem Zungenbelag. Die Diagnose war: Aufbrausendes yáng der Leber bei andauernder Blutstase in den Verbindungsgefäßen (luò yǒu sù yū).

Die Behandlung musste das aufbrausende yáng der Leber unterdrücken (píng gān qián yáng), das Blut beleben und die Verbindungsgefäße öffnen (huó xuè tōng luò). Gbl 4 (hàn yàn) wurde links mit einer dünnen Nadel 1,5 cùn tief gestochen in Richtung Gbl 6 (xuán Ií). Am Punkt Gbl 6 (xuán Ií) wurde ebenso mit einer dünnen Nadel 1,5 cùn tief gestochen in Richtung von Gbl 5 (xuán lú). Gbl 8 (shuài gǔ) wurde entlang der Haut 1 cùn tief akupunktiert und neutral manipuliert. Le 3 (tài chōng) und Le 2 (xíng jiān) wurden 0,8 bis 1 cùn tief genadelt und sedierend manipuliert. Die Nadeln wurden 30 Minuten liegengelassen und alle fünf Minuten manipuliert. Diese Behandlung wurde täglich durchgeführt. Nach zwei Sitzungen waren die Schmerzen wesentlich gelindert, und die Patientin konnte tief schlafen. Vier weitere Behandlungen beseitigten ihre Beschwerden. Bei der Nachuntersuchung nach acht Monaten hatte sie keinen Rückfall erlitten.

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