Unsere Erfahrung von mehr als zwanzig Jahren hat mir gezeigt, dass man durch Akupunktur von Ma 1 (chéng qì) in Richtung Bl 1 (jīng míng) gute Erfolge bei Kurzsichtigkeit erzielen kann. Es werden andere Punkte kombiniert. Die Punktauswahl erfolgt nach der Syndromdifferenzierung.
Bei mäßiger und schwerer Kurzsichtigkeit beginnt man ebenso und akupunktiert als zusätzliche Punkte Gbl 20 (fēng chí) und yì míng.
Manipulation
Nach Hautdesinfektion wird eine 30 G dünne Nadel am Punkt Ma 1 (chéng qì) inseriert und in einem Winkel von 30° schräg in Richtung Bl 1 (jīng míng) etwa 1 cùn tief vorgeschoben. Wenn ein Spannungsgefühl am Auge empfunden wird oder Tränen fließen, lässt man die Nadel zehn Minuten lang liegen. Es wird leicht manipuliert, aber man darf dabei die Nadeln nicht mit großer Amplitude drehen und rotieren. Wenn man die Nadeln zieht, soll man mit einem Wattebausch einige Minuten auf die Einstichstelle drücken, um eine Blutung zu verhindern.
An den Punkten Gbl 20 (fēng chí) und yì míng wird eine 28 G dünne Nadel von 1,5 cùn Länge etwa 0,7 bis 1 cùn tief eingeführt und nach dem Erreichen des qì-Gefühls zehn Minuten liegengelassen.
Man behandelt einmal täglich. Zehn Behandlungen bilden einen Behandlungszyklus. Das Sehvermögen soll vor und nach Behandlung unter gleichen Bedingungen geprüft werden.
Fallbeispiel 1
Ein 25jähriger Fahrer klagte über sich verschlechterndes Sehvermögen seit einem halben Jahr. Er war noch nicht behandelt worden und trug auch keine Brille, sondern kam direkt zur Akupunkturbehandlung. Sein Visus betrug 0,7 beiderseits, er hatte eine Ametropie von 0,5 D beiderseits. Sein Fundus zeigte Normalbefund. Der Patient wurde mit der oben beschriebenen Methode behandelt. Schon nach einer einzigen Behandlung verbesserte sich sein Sehvermögen auf 0,9 beidseitig. Nach drei Behandlungen war es 1,0 links und 1,2 rechts. Nach sieben Behandlungen war die Sicht beiderseits auf 1,2 verbessert, und dies blieb unverändert bis zu der Nachuntersuchung nach einem Jahr.
Fallbeispiel 2
Eine 16jährige Studentin litt seit mehr als einem Jahr an Verschlechterung des Sehvermögens. Ihre Familienanamnese war unauffällig. Die Patientin trug auch keine Brille. Sie kam direkt zur Akupunkturbehandlung. Ihr Sehvermögen betrug 0,5 links und 0,6 rechts bei einer Ametropie von 0,5 D rechts und 1,0 links. Sie wurde auch wie beschrieben behandelt. Nach vier Behandlungen war ihr Sehvermögen 0,6 links und 0,7 rechts; nach zehn Behandlungen 0,7 links und 0,8 rechts, nach 14 Behandlungen 0,8 links und 0,9 rechts, nach 18 Behandlungen 0,8 links und 1,0 rechts, nach 25 Behandlungen 1,0 links und 1,2 rechts. Bei der Nachuntersuchung nach zehn Jahren hatte sie ein Sehvermögen von 0,9 links und 1,0 rechts.
Englert, Stefan; Becker, Simon; Wiebrecht, Axel;
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