In der TCM nennt man das wěi-Syndrom, und diese Erkrankung ist so gut wie unheilbar, denn bisher gibt es keine wirksame Behandlung. Seit der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre haben wir etwa eintausend Patienten mit Paraplegien mit Akupunktur und Moxibustion behandelt. Nach unserer Meinung sollte man in diesen Fällen das Lenkergefäß anstatt des yáng míng-Meridiansystems zuerst behandeln. Da die Paraplegie das Lenkergefäß betrifft, muss man sich damit auch zuerst auseinandersetzen. Es reicht nicht, sich nur auf ein oder zwei therapeutische Methoden zu verlassen, wenn man diese Erkrankung behandeln sowie die Funktion der zwölf Hauptmeridiane, der acht außerordentlichen Meridiane und der dazugehörigen Organe verbessern möchte. Man muss die Akupunkturpunkte je nach der klinischen Erscheinung anwenden, dabei ganzheitliche Gesichtspunkte und lokale Bedingungen berücksichtigen und diese miteinander kombinieren. So kommt man zu einem stufenweisen Vorgehen je nach den Stadien und den unterschiedlichen auslösenden Punkten. Außerdem muss die Syndromdifferenzierung berücksichtigt werden.
Wir haben eine Systematik von elf Methoden zur Behandlung des Schlaffheitssyndroms entwickelt, die man nacheinander anwenden kann, oder von denen man einige auswählen kann. So soll man ein halbes Jahr lang behandeln. Nach dieser Zeit wird die Behandlungsmethode beurteilt und ein neuer Vorschlag ausgearbeitet. Im Folgenden werden die elf Methoden dargestellt.
1. Akupunktur des Lenkergefäßes
Hier werden Punkte auf dem Rücken ausgewählt, die die Energie des Lenkergefäßes verteilen und leiten (shū dǎo dū mài), die yáng-Meridiane aufeinander abstimmen (tōng tiáo zhū yáng), Gehirn und Mark auffüllen und unterstützen (bǔ nǎo yi suí), das yáng des Körpers fördern und die Knochen stärken können (xīng yáng zhuàng gǔ).
Dies sind: LG 20 (bǎi huì), LG 16 (fěng fǔ), LG 14 (dà zhuī), LG 13 (táo dào), LG 12 (shěn zhù), LG 9 (zhì yáng), LG 6 (jǐ zhōng), LG 4 (mìng mén), LG 3 (yāo yáng guān) sowie LG 1 (cháng qiáng), wobei alle diese Punkte tonisierend manipuliert werden.
2. Die jiā jǐ-Methoden
Die huá tuó jiā jǐ-Punkte liegen fünf fěn neben dem Lenkergefäß und können die Wurzel des Lenkergefäßes tonisieren (bǔ yì dū mài zhi gěn dì), qì und Blut der inneren Organe abstimmen (tōng tiáo zàng fǔ zhi qì xué), die Blutstase beseitigen und die Stagnation umwandeln (zhú yū huà zhì), indem sie die Abwärtsbewegung erleichtern (lì xià xíng).
Folgende Punkte werden ausgewählt: fünf fěn neben dem unteren Rand des zweiten Brustwirbels auf beiden Seiten, und von da abwärts neben jedem Wirbel bis hinab zum vierten Lendenwirbel. Alle Nadeln werden tonisierend manipuliert.
3. Akupunktur der Rücken-shū-Punkte
Die Punkte auf dem Blasenmeridian können das Außen befindliche essenzielle qì der Organe und Meridiane regulieren, indem sie es ins Innere weitergeben, auch fördern sie die Verteilung der Organfunktionen nach außen. So wird die Funktion der fünf inneren Organe gefestigt (qiáng jiàn wǔ zàng), qì und Blut angereichert (chōng yíng qì xuè), so dass die unteren Extremitäten erreicht und genährt werden (guàn tōng rú yǎng xià zhī), die Funktionen Darmentleerung und Wasserlassen wiederhergestellt werden können (lǐ èr biàn).
Folgende Punkte werden dazu ausgewählt: Bl 13 (fèi shū), Bl 15 (xīn shū), Bl 17 (gé shū), Bl 18 (gān shū), Bl 20 (pí shū), Bl 23 (shèn shū), Bl 25 (dà cháng shū). Alle Punkte werden tonisierend manipuliert.
4. Auswahl von Punkten des Blasenmeridians unterhalb der Taille
Diese Punkte liegen unterhalb der Taille und an den Beinen. Die Methode kann das qì des Blasenmeridians regulieren (tōng tiáo páng guāng fīng qì), den ungehinderten Fluss von qì und Blut anregen (cù shǐ qì xuè tōng chàng), das yīn der Nieren nähren (bǔ shèn yīn), die Darmtätigkeit und Blasenfunktion regulieren (lǐ èr biàn) sowie die Sehnen und Knochen stärken (qiáng līn zhuàng gǔ).
Folgende Punkte werden ausgewählt: Bl 31 (shàng liáo), Bl 34 (xià liáo), Gbl 30 (huán tiào), Bl 40 (wěi zhōng), Bl 57 (chéng shān), Bl 60 (kūn lún) und N 1 (yǒng quǎn). Alle Punkte werden tonisierend manipuliert.
5. Punktauswahl auf dem Konzeptionsgefäß
Punkte auf dem Abdomen und den unteren Extremitäten unterstützen den angeborenen wahren Ursprung (xiān tiān zhi zhěn yuán) und regulieren die erworbene Wurzel der Reproduktion (tiáo jié hòu tiān shěng huà zhi běn). Damit wird das qì der Mitte gestärkt (bǔ zhōng qì), die Nieren gefestigt und ihr Ursprung gekräftigt (gù shèn péi yuán). Der Magen wird harmonisiert (hé wèi), die Leber besänftigt (shū gān), die schlaffen Körperbezirke werden angeregt (qǐ wěi) und ihre Ernährung verbessert (tiáo yíng).
Folgende Punkte werden gewählt: KG 12 (zhōng wǎn), KG 10 (xià wǎn), KG 6 (qì hǎi), KG 4 (guān yuán), KG 3 (zhōng jí), Ma 21 (liáng mén), Ma 25 (tiān shū) und Le 13 (zhāng mén). Alle Punkte werden tonisierend manipuliert.
6. Behandlung des Fuß-yáng míng-Magenmeridians
Die Punkte am Bauch und an den unteren Gliedmaßen können die Milz kräftigen (jiàn pí), den Magen harmonisieren (hé wèi), qì und Blut regulieren und tonisieren (tiáo bǔ qì xuè), sie können feine Essenz der Nahrung umwandeln und transportieren (yùn huà jīng wéi), sie nähren die urogenitale Region (róng yǎng zōng jīn) und verteilen die yáng míng-Energie (shū dǎo yáng míng), sie stärken die Knochen (zhuàng gǔ) und kräftigen den Schritt (jiàn bù).
Folgende Punkte werden dazu ausgewählt: Ma 30 (qì chōng), Ma 31 (bì guān), Ma 36 (zú sān Iǐ), Ma 39 (xià jù xū), Ma 41 (jiě xī), Ma 44 (nèi tíng), MP 6 (sān yīn jiāo), alle mit tonisierender Manipulation akupunktiert.
7. Behandlung über den Fuß-shào yáng-Gallenblasenmeridian
Diese Punkte sind unterhalb der Taille lokalisiert. Sie können die shào yáng-Energie verteilen und leiten (xuān dǎo shào yáng), qi und Blut aufeinander abstimmen (tiáo hé qì xuè) und die Gelenke durchgängig machen (tōng lì guān jié).
Folgende Punkte werden ausgewählt: Gbl 26 (dài mài), Gbl 29 (jū liáo), Gbl 31 (fěng shì), Gbl 34 (yáng líng quán), Gbl 39 (jué gǔ), Gbl 40 (qiū xū), Gbl 41 (zú Iín qì) und Le 3 (tài chōng). Alle Punkte werden akupunktiert und tonisierend manipuliert.
8. Behandlung der drei yīn-Meridiane des Fußes
Alle Punkte liegen am Unterbauch und an den Beinen. Sie können das yīn anreichern und das Blut nähren (zī yīn yǎng xuè), die Sehnen gedeihen lassen (róng jīn), die Knochen stärken (zhuàng gǔ), die Niere tonisieren (bǔ shèn), die Leber geschmeidig machen (róu gān), die Milz kräftigen (jiàn pí), die Meridiane öffnen (tōng luò) und die Darmtätigkeit regulieren (tiáo lǐ èr biàn).
Folgende Punkte werden ausgewählt: Ma 30 (qì chōng), Le 11 (yīn lián), MP 9 (yīn Iíng quán), MP 6 (sān yīn jiāo) und Le 3 (tài chōng). Alle Punkte werden tonisierend manipuliert.
9. Behandlung der drei yáng-Meridiane der Hand
Hier liegen die Punkte am Arm. Sie können die Meridiane öffnen (shū tōng jīng mài), die Ebenen der Ernährung und der Abwehr regulieren (tiáo hé yíng wèi), das Blut anregen und Stagnationen umwandeln (huó xue huà yū). So werden die oberen Gliedmaßen gekräftigt.
Folgende Punkte werden ausgewählt: Di 15 (jiān yú), Dü 9 (jiān zhěn), Di 11 (qū chí), 3E 8 (sān yáng luò), Di 4 (hè gǔ), 3E 4 (yáng chí), 3E 3 (zhōng zhǔ), Pk 4 (xī mén). Alle Punkte werden tonisierend manipuliert.
10. Behandlung der drei yīn-Meridiane der Hand
Die Punkte liegen an den Armen und können qì und Blut regulieren (tiáo qì huó xuè), das Blut nähren (yǎng xuè), den Geist beruhigen (ān shén) und die Sehnen und Knochen kräftigen (qiáng jīn zhuàng gǔ).
Folgende Punkte werden gewählt: Di 16 (jù gǔ), yè fèng (Extrapunkt; wörtlich: Achselspalte), Lu 5 (chǐ zé), 3E 6 (zhī gōu), H 7 (shén mén), Pk 5 (jiān shǐ), Pk 7 (dà líng). Alle werden tonisierend manipuliert.
11. Die zwölf Nadeln an Händen und Füßen
Hier werden Punkte an den vier Gliedmaßen distal von Ellenbogen und Knien ausgesucht. Sie können die Meridiane öffnen und Verbindungsgefäße aktivieren (tōng jīng huó xuè), die Ebenen der Ernährung und der Abwehr regulieren (tiáo hé yíng wèi), qì tonisieren und das Blut nähren (yì qì yǎng xuè).
Die Punkte sind: Di 11 (qū chí), Pk 6 (nèi guān), Di 4 (hè gǔ), Gbl 34 (yáng líng quán), Ma 36 (zú sān Iǐ) und MP 6 (sān yīn jiāo). Alle werden tonisierend manipuliert.
Fallbeispiel
Ein 31jähriger Mann kam mit einer Paraplegie der Beine ins Krankenhaus, die nach einem Autounfall vor sechs Monaten aufgetreten war. Unmittelbar nach dem Unfall war er komatös gewesen. Nun hatte er Funktionsstörungen von Darm und Blase. Im Röntgenbild sah man Frakturen der rechten Scapula und einiger Rippen auf der rechten Seite sowie Kompressionsfrakturen einiger Lendenwirbel. Nach konservativer Behandlung heilten die Frakturen, aber die Lähmung blieb bestehen. Die Muskulatur atrophierte allmählich, der Appetit besserte sich nicht, der Patient konnte schlecht schlafen und litt an Urinretention und Verstopfung.
Bei der Untersuchung konnte der Patient die unteren Extremitäten nicht bewegen, den M. Trapezius dagegen gut. Unterhalb des 12. Brustwirbels waren Schmerzempfindungen und Sensibilität aufgehoben. Die Bauchhautreflexe, der Anusreflex, Cremasterreflex, Patellarsehnen- und Achillessehnenreflex waren nicht auslösbar. Er war jedoch bei vollem Bewusstsein. Seine Gesichtsfarbe war fahl, die Zunge rosa mit dünnem weißem Belag, die Pulse tiefliegend und schmal (chen xì). Sein Blutdruck betrug 120/80 mmHg. Am Os Sacrum hatte er einen 3×2 cm großen Decubitus.
Die Diagnose lautete: Blutstase durch traumatische Einwirkung, Verletzung und Blockade von Sehnen und Gefäßen. Die Behandlung musste darin bestehen, die Blutzirkulation anzuregen, die Stagnation des Blutes zu beseitigen (huó xuè huà yū), die Sehnen und Gefäße zu nähren (róng yǎng jīn mài).
Die Behandlungsvorschläge eins bis fünf wurden mit tonisierender Manipulation abwechselnd angewendet. Nach dem ersten Behandlungszyklus konnte der Patient mit Krücken stehen, sich an die Wand lehnen und sich selbständig hinsetzen.
Im zweiten Behandlungszyklus wurden die Rezepte eins bis vier angewendet und zusätzlich die Punkte Bl 23 (shèn shū), Bl 25 (dà cháng shū), KG 12 (zhōng wǎn), KG 6 (qì hǎi) und KG 4 (guān yuán) akupunktiert. Er konnte dann mit Krücken und der Hilfe von Krankenschwestern einige Schritte gehen; die Blasenfunktion und die willentliche Darmentleerung waren wiederhergestellt. Der Dekubitus war abgeheilt.
Im dritten Behandlungszyklus wurden die Rezepte drei bis fünf angewendet und zusätzlich die Punkte Bl 23 (shèn shū), KG 4 (guān yuán) und KG 3 (zhōng jí) akupunktiert. Er konnte im Anschluss mit einer einzigen Krücke gehen. Die Sensibilität unterhalb der Taillenlinie erholte sich, aber die Muskelatrophie blieb bestehen. Alle zwei bis drei Tage hatte er eine Darmentleerung. Die Blasenreflexe waren wiederhergestellt.
Der vierte Behandlungszyklus wurde wie der dritte durchgeführt. Nun konnte er besser gehen, seine Blasenfunktion kontrollieren und war nur bei Durchfällen darm-inkontinent.
Im fünften Behandlungszyklus wurden die Rezepte eins, drei, vier angewendet und zusätzlich KG 6 (qì hǎi), KG 4 (guān yuán), LG 4 (mìng mén) und Bl 23 (shèn shū) akupunktiert. Im Anschluss daran waren seine Blasen- und Darmfunktion normalisiert. Er konnte mit nur einer Krücke frei gehen. Zur Konsolidierung wurde noch einige Monate länger behandelt. Es ging ihm wesentlich besser als anfangs, und er konnte seine Arbeit wiederaufnehmen. Auch nach einem Jahr fühlte er sich weiterhin wohl.
BUCHEMPFEHLUNGEN
Deadman, Peter; Al-Khafaji, Mazin; Baker, Kevin
Handbuch Akupunktur
Das System der Leitbahnen und Akupunkturpunkten
Dieser moderne Klassiker der Akupunkturliteratur ist unübertroffen in der Genauigkeit der Punktbeschreibung und in der Qualität der Illustrationen. Es bietet umfassende Informationen zur Leitbahntheorie und zur Akupunkturtherapie.























































































































































































































































































































































