Man kann Schmerzen im Hypochondrium einteilen in solche, die aus Überschuss (Fülle-Typ), und solche, die aus Mangelsituationen (Mangel-Typ) entstehen. Die Schmerzen treten entweder auf der rechten oder auf der linken Seite auf.

Die Akupunktur richtet sich auf die Meridiane von Leber und Gallenblase. Sie muss den shào yáng harmonisieren und die Verbindungsgefäße beleben.

Beim Fülle-Typ werden als Hauptpunkte 3E 6 (zhī gōu) und Gbl 34 (yáng líng quán) benutzt, und zusätzlich werden die empfindlichen Punkte genadelt. Im Allgemeinen wird sedierend manipuliert.

Beim Mangel-Typ sind Bl 18 (gān shū) und Bl 19 (dǎn shū) die Hauptpunkte der Therapie. Es wird tonisierend manipuliert.

Der Punkt 3E 6 (zhī gōu) liegt auf dem Dreifachen Erwärmer Meridian (Hand shào yáng) und gehört zum Element Feuer. Er kann die Funktionen der Eingeweide aufeinander abstimmen, wiederbeleben, die Verbindungsgefäße beleben, die Blutstase zerstreuen und den Fluss des qì anregen Er  klärt den Dreifachen Erwärmer und senkt den gegengerichteten Fluss des qì ab. Er leitet pathogenes Feuer aus.

Gbl 34 (yáng líng quán) ist der Punkt auf dem Gallenblasenmeridian (Fuß shào yáng), an dem die Energie in den Meridian eintritt. Er hat Energie vom Erdelement und kann den shào yáng deshalb harmonisieren. Außerdem verteilt er die Energie der Leber, leitet die Galle aus, eliminiert und klärt Nässe-Hitze, beseitigt pathogenen Wind, entspannt die Sehnen und belebt die Verbindungsgefäße.

Der Punkt 3E 6 (zhī gōu) eignet sich im Wesentlichen zur Erleichterung des Flusses des qì im Dreifachen Erwärmer, während Gbl 34 (yáng líng quán) die Funktionen von Leber und Gallenblase aufeinander abstimmt hilft. Der kombinierte Gebrauch beider Punkte, von denen einer oben und einer unten am Körper auf dem jeweils gleichnamigen Meridian liegt, kann Stagnationen verteilen und so den shào yáng harmonisieren.

Wenn die Schmerzen im Hypochondrium durch eine Erkrankung der Gallenblase entstehen, sollte man Bl 19 (dǎn shū) und Gbl 24 (rì yuè) akupunktieren.

Am Punkt Bl 19 (dǎn shū) fließt die Essenz der Gallenblase in den Zustimmungspunkt am Rücken. Dieser Punkt kann die Funktion der Gallenblase abstimmen, Pathogene in Leber und Gallenblase ausleiten, den Energiefluss regulieren, qì bewegen, das Blut beleben und die Blutstase zerstreuen.

Unter dem Punkt Gbl 24 (rì yuè) liegen die inneren Organe Leber, Gallenblase, Milz und Magen. Dieser Punkt kann die Energie von Leber und Gallenblase zerstreuen sowie Magen und Milz regulieren. An ihm sammelt und verbindet sich die Essenz der Gallenblase auf der Bauchseite. Er ist der mù-Punkt der Gallenblase. Er kann Leber und Gallenblasenenergie verteilen und aufeinander abstimmen, Magen und Milz harmonisieren, Nässe-Hitze umwandeln und den qì-Fluss leiten.

Die Kombination beider Punkte, auf der Körpervorderseite und -rückseite mit yīn- und mit yáng-Charakter, kann die erkrankte Stelle von zwei Seiten her angreifen. Damit verstärkt sich die beidseitige Wirkung, so dass Gallenblase und Leberfunktion abgestimmt und die Verbindungsgefäße geöffnet werden.

Fallbeispiel 1

Ein 55jähriger Lehrer hatte plötzlich stechende Schmerzen im rechten Hypochondrium bekommen, die sich vor fünf Tagen verschlimmert hatten, als er hustete. Seine Zunge war dunkel gefärbt mit einem dünnen weißen Belag. Der Puls war gespannt und stagnierend (xián zhì).

Die Diagnose war: stagnierendes qì und Blutstase.

Die Behandlung bestand darin, die Meridiane zu öffnen und die Verbindungsgefäße zu beleben. Auf der Seite des Schmerzes wurde Gbl 34 (yáng líng quán) genadelt und nach der Ankunft des qì-Gefühls alle zehn Minuten sedierend manipuliert. Insgesamt wurde die Nadel 30 Minuten liegen gelassen. Sofort nach dem Entfernen der Nadel waren die Schmerzen gelindert. Der Verlauf wurde acht Jahre lang weiterverfolgt, und in dieser Zeit kam es zu keinem Rückfall.

Fallbeispiel 2

Eine 50jährige Frau klagte über Schmerzen im Epigastrium, die sie seit zwei Jahren hatte und die anfallsweise auftraten, zusammen mit Völlegefühl im Magen, Übelkeit, Erbrechen und profusen Schweißausbrüchen. Sie hatte eine blasse Gesichtsfarbe, kalte Gliedmaßen, eine dunkle Zunge mit weißem fettigem Zungenbelag. Der Puls war gespannt und beschleunigt (xián shuò).

Die Diagnose lautete: Disharmonie in Leber und Gallenblase, innere Stagnation von Nässe und Hitze mit gegengerichtetem Fluss der Leberenergie. Dies hatte die Verdauungsorgane angegriffen.

Die Behandlung bestand darin, die Energie der Leber und Gallenblase zu verteilen, Nässe und Hitze umzuwandeln und die Verbindungsgefäße zu öffnen. Bl 19 (dǎn shū) und Gbl 24 (rì yuè) wurden akupunktiert und nach dem Auslösen des Nadelgefühls 30 Minuten mit Elektrostimulationsakupunktur stimuliert. Mit dieser Methode konnten die Schmerzen der Patientin gelindert werden.

BUCHEMPFEHLUNGEN

Kirschbaum, Barbara

Handbuch Zungendiagnostik

Die Zungenzeichen in der Chinesischen Medizin

Die Zungendiagnostik ist wesentlicher Bestandteil einer vollständigen Chinesischen Diagnose. Sie ist wichtig für eine zielführende therapeutische Entscheidung und vor allem für die prognostische Beurteilung des Krankheitsverlaufs. Die Zungenzeichen geben außerdem Aufschluss über konstitutionelle und energetische Stärken und Schwächen des Patienten.