Die wesentliche Ursache für nächtliche Samenergüsse (Spermatorrhö) ist unerwiderte Liebe. Dadurch entsteht eine Belastung des Herzens (xīn shén bù níng). Außerdem kann übermäßige sexuelle Aktivität zum Mangel der Nierenessenz (shèn jīng kuī xū) und Aufflammen des königlichen und ministeriellen Feuers führen (jūn xiàng huǒ wàng). Deshalb soll sich die Behandlung auf Herz, Nieren und Leber konzentrieren: Man muss Herz und Leber beruhigen (níng xīn píng gān) und die Nieren nähren und den Samen festigen (yì shèn gù jīng).

Folgende Punkte werden ausgewählt:

  • H 7 (shén mén) wird neutral manipuliert.
  • Le 3 (tài chōng) wird sediert.
  • N 3 (tài xī), KG 4 (guān yuán), Bl 23 (shèn shū) und Bl 52 (zhì shì) werden tonisiert.
Der Punkt H 7 (shén mén) wird 0,5 cùn tief akupunktiert und mit Heben und Senken der Nadel neutral manipuliert, um so das Feuer im Herzen zu beruhigen und die Energie des Herzens nach unten zu leiten (píng jiàng xīn huǒ), damit sie sich mit der Niere verbinden kann (xīn yáng xià jiāo yú shèn). Le 3 (tài chōng) wird 0,8 cùn tief akupunktiert und dann durch Heben und Senken der Nadel sedierend manipuliert, um die Leber zu reinigen und das Feuer zu vermindern (qīng gān xiè huǒ). Der Punkt N 3 (tài xī) wird 0,8 cùn tief akupunktiert und dann ebenfalls durch Heben und Senken der Nadel tonisierend manipuliert, um das yīn der Niere zu nähren und das yáng zu unterdrücken (zī yǎng shěn yīn qián yáng). KG 4 (guān yuán) ist die Wurzel des ursprünglichen qì im Körper (rén tǐ yuán qì zhi běn). Der Punkt wird nach der Methode shāo shàn huǒ (Hitzeerzeugende Manipulation zur Tonisierung bei Kälte-Symptomatik) manipuliert, um qì zu tonisieren, die Wurzel zu festigen und die Samenergüsse zu beenden (yì qì gù běn ér zhǐ yí). Bl 23 (shèn shū) ist sehr wichtig für den Verlauf der Energie der Niere. Der Punkt Bl 52 (zhì shì) wird 1 cùn tief akupunktiert und dann mit Heben und Senken der Nadel tonisierend manipuliert. Man lässt die Nadel aber nicht liegen. So kann der Samen gefestigt werden.

Fallbeispiel

Ein unverheirateter 30jähriger Mann hatte drei Jahre lang nächtliche Samenergüsse. Diese traten anfangs einmal in der Woche auf, später waren sie zwei- bis dreimal in der Woche zu bemerken. In der letzten Zeit traten sie jede Nacht auf. Er hatte auch Kopfschmerzen, Schwindel, Wundheitsgefühl in der Taille, konnte schlecht schlafen, war kurzatmig und appetitlos. Bei der Untersuchung sah er ausgezehrt aus und war recht erschöpft. Die Zunge war blass und dick, der Puls schmal und schwach (xì ruò). Die Behandlung musste das Herz beruhigen und die Niere stärken (níng xīn yì shèn). Nach zwei Behandlungen konnte er schon besser schlafen und hatte weniger Träume, allerdings immer noch Samenergüsse. Nach drei Behandlungen setzten die Samenabgänge drei Tage lang aus. Ma 36 (zú sān Iǐ) und MP 6 (sān yīn jiāo) wurden dann zusätzlich akupunktiert, um den Magen und die Milz zu stärken (jiàn yùn pí wèi). Nach acht Behandlungen hatte er nur noch gelegentliche Samenergüsse. Der Punkt KG 4 (guān yuán) wurde nun akupunktiert und mit drei Moxakegeln moxibustiert, um das yáng zu wärmen und qì zu tonisieren (wěn yáng yí qì). Nach 20 Behandlungen ging es ihm gut. Nach einem Monat wurde er nachuntersucht und hatte in dieser Zeit nur einmal einen Samenabgang gehabt.
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Montakab, Hamid

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Hamid Montakab ist einer der renommiertesten TCM-Therapeuten im deutsch- und französischsprachigen Raum. Er praktiziert und lehrt in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland. Er war Mitbegründer und langjähriger Präsident der Schweizerischen Berufsorganisation für TCM (SBO-TCM) und gründete 1986 die Chiway Akademie für Akupunktur und asiatische Medizin in Winterthur. Er ist in der östlichen Medizin ebenso zu Hause wie in der westlichen und versteht es wie kein anderer, dieses Wissen mit seiner Praxiserfahrung aus Europa, Indien, China und den USA zu kombinieren.